"Alle Religionen gehören zusammen" - ein Nachruf auf Marko Feingold

Zähle von Hundert hinunter, wie es in der Bibel steht, sagte er zu seiner Frau, dann starb er wirklich. Ernst Löschner schreibt einen Nachruf auf seinen alten Freund Marko Feingold (28. 5. 1913 - 19. 9. 2019), Ehrenmitglied von Alpine Peace Crossing, der vier Konzentrationslager überlebte.*

Ernst Löschner

Der 19. 9. 19 war für unzählige Menschen DER Wunschtermin, um als Ehepaar JA zum Leben zu sagen. Für Marko Feingold war dieser Tag der Wunschtermin, um Abschied zu nehmen in eine andere Welt. Sein Frau Hanna war bei ihm, als er gegen 14 Uhr zuerst auf sich und dann nach oben deutete und ihr sagte: „Zähle von 100 hinunter… wie es in der Bibel bei Moses steht… und dann wirst du mich von hinten erkennen.“ Friedlich ist er eingeschlafen, keine 15 Minuten nach diesen Worten.

Ich hatte das Glück, dass ich als sein letzter Besucher zwei Tage zuvor bei ihm war, um Abschied zu nehmen. Er drückte meine Hand, und ein Lächeln zierte sein schönes, würdiges Gesicht, als ich ihm mitteilen konnte, dass der junge Vorstand, den wir in Kürze für APC bestellen werden, besonders die Jugend nach Krimml zur APC Friedenswanderung bringen möchte.

Wie sehr war ihm doch die Jugend ein Anliegen! Wer es miterleben durfte, wie er im Tempel der Salzburger Kultusgemeinde als 100+- Jähriger unzähligen Schülern und Schülerinnen sein persönliches Geschichtsbewusstsein über die Zeit ab 1930 bis in die 50er Jahre mit auf den Weg gab, wird dies wohl nie vergessen. Wenn sich wer die Zeit nehmen möchte, mein 22-Minuten Interview mit Marko anzusehen, das Hans Nerbl 2013 gestaltete,

https://www.youtube.com/watch?v=UPsqc0lm1h4&ab_channel=HansDieterNerbl

bekommt einen sehr authentischen Eindruck von Marko’s Strahlkraft.

Mitmenschlichkeit ist kein teilbares Gut

Am Samstag 14. September, drei Tage vor meinem Abschiedsbesuch bei Marko, war ich mit Hanna länger bei ihm. Er hatte sich über den Besuch sichtlich gefreut, ebenso wie über den Besuch von Alt-Bürgermeister Heinz Schaden wenige Tage zuvor. Marko war von einer Infektion schon sehr geschwächt, aber sein Lebenswille schien ungebrochen. Dennoch war es wie ein letztes Vermächtnis, als er plötzlich zu Hanna und mir sagte: „Alle Religionen gehören zusammen, dann werden die Menschen in Frieden leben.“

Für mich waren diese Worte umso bedeutungsvoller, markierten sie doch eine Sicht der Welt, wie sie nicht immer die Seine war. In den intensiven Jahren unserer Zusammenarbeit und Freundschaft seit meiner Gründung von APC im Jahr 2007, hatte es nämlich – zwar nur einmal, aber dennoch - einen ernsthaften Konflikt zwischen uns gegeben: er wurde zusehends kritisch, zuletzt sogar ablehnend, gegenüber den muslimischen Flüchtlingen, die wir nach Krimml zum Friedensdialog und zur APC Friedenswanderung eingeladen hatten. Er meinte, die wären ALLE anti-semitisch indoktriniert, APC sollte sie auch aus unserer Sozial- und Flüchtlingshilfe streichen, da wir damit einem „importierten Antisemitismus“ Vorschub leisten würden. Erst als ich ihm klarmachen konnte, dass für APC Mitmenschlichkeit kein teilbares Gut sein kann und darf, dass wir uns allen Verfolgten gegenüber ohne jegliche Diskriminierung verpflichtet fühlen, bewegte sich seine anfänglich ablehnende Haltung in Richtung von mehr Akzeptanz bzw. Toleranz.

Hintergrund der Judenflucht

Jedes Jahr seit 2007 war Marko bei uns in Krimml bei den APC Veranstaltungen und auch bei unseren Feierlichkeiten in Wien und Tel Aviv zu 70 Jahre Jüdischer Exodus Krimml. Als Bundespräsident Alexander Van der Bellen 2017 zum 11. APC nach Krimml kam, entstand ein wunderbarer 8-minütiger ORF II-Beitrag, der am 15.10. 2017 in der Sendung „Orientierung“ ausgestrahlt wurde:

https://www.youtube.com/watch?v=3zSkq3TnJB0&feature=youtube

Dieses Video ist absolut sehenswert, denn es bringt nicht nur den historischen Hintergrund der Judenflucht 1947; Marko kommt dabei ausführlich zu Wort, ebenso BP Van der Bellen. Heuer war es das 13. Mal, dass der Krimmler Friedensdialog und die APC Friedenswanderung stattgefunden haben. In meinem Bericht darüber hielt ich fest. „Marko Feingold, unser Ehrenmitglied und Entdecker der Fluchtroute 1947 über den Krimmler Tauern, war seit 2007 jedes Mal bei unseren APC Veranstaltungenin Saalfelden und Krimml. Auch diesmal wäre es ihm so wichtig gewesen, mit seinen 106 Jahren dabei zu sein, trotz überstandener Hüftoperation und Lungenentzündung noch vor wenigen Wochen. Wegen der großen Hitze und der langen Anreise aus Salzburg hat ihm sein Arzt jedoch von einer Teilnahme abgeraten. Marko war aber jedenfalls virtuell in unser aller Mitte.“

We miss you, Marko

In dieser Mitte ist er nun ganz besonders am heutigen Tag. Die Entstehungsgeschichte von APC ist untrennbar mit ihm verbunden. Es wurde ihm daher mit großer Freude und Dankbarkeit der Baum #3 im Hain der Flucht (http://www.hain-der-flucht.at/) gewidmet, den wir am 17.10.2017 im Krimmler Achental in einer inter-religiösen Zeremonie feierlich einweihten (vgl. dazu das knapp 4-minütige schöne Video von Guy Shachar:

https://www.youtube.com/watch?v=KWCN8zHh8hU ).

In einem „Testimonial“ habe ich auf der Homepage Marko persönlich gewürdigt, ebenso taten dies unsere gemeinsamen Freunde Brigitte und Christoph Elmecker. Alle, die diesen Nachruf lesen und Marko ebenfalls ein persönliches Testimonial zusenden möchten, sind dazu herzlich eingeladen. Letztes Jahr waren 100 Menschen aus Israel im ehemaligen Lager Givat Avoda in Saalfelden, darunter sogar noch einige Zeitzeugen, und viele sind Nachkommen von Zeitzeugen. Dieses Jahr waren es wieder 40 von ihnen. APC ist bemüht, bevor es zu spät ist, möglichst viele Biographien der Zeitzeugen-Familien zusammenzutragen. Für uns von APC und für sie alle ist Marko Feingold – wie auch die legendäre Wirtin des Krimmler Tauernhauses, Liesl Geisler-Scharfetter, und der unvergessene Bergführer Viktor Knopf – ein in die ganze Welt ausstrahlender Leuchtturm des Mutes und der Entschlossenheit als Symbol der Hoffnung für alle Menschen, die flüchten müssen.

5.500 „Krimmler Juden“ und wir alle von APC, wir verneigen uns vor diesem kleinen, großen Mann. Er hat 4 Konzentrationslager überlebt, er ist 106 Jahre alt geworden, welch ein Wunder. In seinem Gesicht war stets Ernst und Schalk, seine Augen blitzten bis zuletzt, wie auch sein Humor immer wieder aufblitzte.

We miss you, Marko! Wir danken dir für dein großes persönliches Engagement für APC. Es wird kein APC in Krimml geben ohne dass wir dich spüren. Und dir, liebe Hanna, gilt unser tief empfundenes Mitgefühl. Am Montag (Anm. also heute), wenn wir ihn in Salzburg im Jüdischen Friedhof in eine andere Welt umbetten, werde ich namens APC und aller Zeitzeugen bei dir sein.

* Mit freundlicher Erlaubnis von Ernst Löschner

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