Haben Deutsche mit „Mutti Merkel“ die Selbstständigkeit verloren? Nach so langen Jahren der coolen Regierung, in der sich viele sehr sicher fühlen konnten, kommt nun wohl die Pflege einer Kardinaltugend von Deutschen zurück: die lautstarke, hitzige Diskussion.

„Einer ist langweilig und einer ist noch nicht erwachsen“, sagte der Theatermacher Peymann neulich im Fernsehen über die Kanzler-Kandidaten. „Am lustigsten finde ich noch die Kandidatin der Grünen. Bei der blitzt manchmal der Teenie durch. Alles Mattscheibe!“

Die Teenie-Frau, das „Mädchen“, wie viele sagen, wurde von den AFD-Männern besonders hart in die Quetsche genommen – denn die stehen eher auf den strengen Gouvernanten-Typus. Jugendlich steckengeblieben sind sie schließlich selber. Die Haltung: Wir sind dagegen, seid dagegen mit uns. Seid ihr gegen irgendetwas? Gegen Autos? Na, sicher nicht. Wer soll uns sonst in den Pensionisten-Klub führen? Oder zum AFD-Stammtisch? AFDler jubilierten, als die Grünen in den Umfragen Verluste verzeichneten. Enkel scheinen die keine zu haben. Oder sie sind nicht so beliebt bei ihren Enkeln?

Die kleinen Schreier

Der ungarische Regierungschef Orban sperrte damals bewusst und in eiskalt kalkulierter Strategie Flüchtlinge menschenverachtend am Budapester Bahnhof ein, dann brachte er sie in konzentrierter Aktion mit Bussen an die Grenze. Die Österreicher waren völlig unvorbereitet auf dieses Orbansche Manöver, das gerade der weißrussische Diktator imitiert. Orban wusste sicher genau, dass es Probleme geben wird, so viele Menschen unterzubringen. Dass manche durchknallen werden. Logischerweise, denn es flüchten Opfer, Täter, frühere Machthaber und Widerständige gleichzeitig. Das dauert eine Weile zu schauen, wer wie ist. Auf diese Weise förderte Orban kalkuliert den Aufstieg der deutschen Rechtsextremisten. Er muss viel nachgedacht haben. Orban hat sicher nicht erwartet, dass Merkel bei ihrem Kurs bleiben wird. Ruhig und unnachgiebig, trotz der vielen kleinen Schreier, die sich unbeachtet und ungeliebt fühlten. Keine Teddies für sie?!

Kein Trinkgeld

Nun kommt also eine Renaissance der Deutschen als immerdeutsche angebliche „Rechthaber“, die gerne mit erhobenem Zeigefinger herumfuchteln, wie sie in Österreich gerne verunglimpft werden. Die schweigende, souveräne Merkel ist futsch und lächelt wieder und wird von einem Papagei gezwickt. Die Frage ist momentan, ob sich die Deutschen für den Ex-Finanzminister plus Nulldefizit-Wünschen oder für den Spaßvogel mit Gummistiefeln entscheiden.

Als ich während meines Studiums für einen italienischen Eissalon arbeitete, fand ich deutsche Touristen anstrengend, sie rechneten gerne nach, verrechneten sich meistens und Trinkgeld gaben sie schon gar nicht. Merkel mit ihrer unbewegten Miene und den farbenfrohen Hosen-Kostümen hat das Bild der Deutschen im Ausland grundlegend verändert, nun wird es wieder neu und anders aussehen – egal wer gewählt wird.

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