An die "Jetzt erst recht"-Scherzkekse

Warum das lustig sein soll, auf FPÖ-Plakaten „Jetzt erst recht“ zu schreiben, erschließt sich mir nicht. Ein paar Waldheim-Hintergründe.

Strahlend präsentierten FPÖ-Vilimsky, Hofer und Kickl ihre tolle Kampagne. Mit breitem Grinsen spielten sie auf den ÖVP-Waldheim-Wahlkampf an, durch den dieser Bundespräsident geworden war. Wir sind die Sieger von morgen, sollte das wohl bedeuten und schaut mal, wo ihr mit eurem „linkslinken“ Protest bleiben werdet. Sehr lustig wirklich.

Einen hat es sicher gerissen bei der Wiederaufnahme dieses Slogans und zwar den studierten Militärgeschichtler und Journalisten Georg Tidl, der damals die Waldheim-Affaire aufdeckte. Seine These war es nie, meinte Tidl vor kurzem, Waldheim als Kriegsverbrecher zu bezeichnen, „wegen der Prozesse gegen echte Kriegsverbrecher, die frei gingen.“ Tidl sieht Waldheim als Lügner, der über seine Vergangenheit log. Wollen FPÖler wirklich Lügner sein, die über ihre Vergangenheit und ihre Vorfahren lügen?

Anti-Partisanen-Einheit

Das Schadenfrohe an dem Plakatier-Ansatz ist mit blossem Auge sichtbar. Doch wissen die gerade gestürzten FPÖler überhaupt, von was sie reden? Waldheim war 1941 bei den Gefechten in den russischen Prypjat-Sümpfen dabei. „Das war Brutalität pur“, erklärte Tidl. 13.788 erschossenen „Plünderern“, sprich Partisanen, und 714 Gefangenen standen zwei verlorene Wehrmachtssoldaten gegenüber. „Jemand, der bei den Prypjat-Sümpfen dabei war, hat nicht das Recht zu sagen, er wusste von nichts“, meint Tidl bis heute. Auch am Ende des Zweiten Weltkrieges war Waldheim wieder Teil einer Anti-Partisanen-Einheit. Er diente in der Division 438 „zur besonderen Verwendung“. Mit dabei in der Division 438 war ebenfalls die Polizeieinheit SS 13, die am Kärntner Persmanhof die slowenischen Kinder ermordete! Wollen Hofer, Vilimsky und Kickl wirklich in so einer Tradition stehen? Wie schauts mit ihren Vorfahren aus? Verteidigen sie deren Verhalten? „Ist ja nicht so ernst gemeint“, scheinen die „Lausbuben“ zu kichern, „was regt ihr euch so auf?“.

Ustascha-Connection

Tidl wurde zur Strafe in das ORF-Archiv versetzt. Er erhielt mörderische Drohanrufe von Ustascha-Anhängern. Bis heute ist trotz viel Quellenforschung nicht klar, was Waldheim mit den Ustascha am Hut hatte. Warum die sich so für ihn einsetzten. Die fanden sich überall in Österreich, wo die katholische Kirche stark war, aber auch in Kärnten, wo kroatische Faschisten bis heute ihre Ermordeten (aber auch deren arme Kinder und Frauen) feiern. Aus Tidls Auto wurden Akten gestohlen. Bis heute treibt es ihn um. Österreichische Staatspolizisten vermuteten damals eine Gruppe der Ustascha hinter dem Diebstahl.

In Österreich standen 800.000 NSDAPler 60.000 Widerständlern und deren Nachfahren gegenüber. Das Ungleichgewicht wurde fortgeführt. Es wurde nicht einmal ein Mindestmaß an Nazi-Verurteilung durchgeführt. „Gegen 55 österreichische Beschuldigte wurde wegen Verbrechen im Konzentrationslager Auschwitz ermittelt. Von den 55 Beschuldigten wurden vier vor Gericht gestellt. Im Frühjahr 1972 wurden alle vier freigesprochen“, schreibt Georg Tidl in seinem Buch „Waldheim. Wie es wirklich war. Die Geschichte einer Recherche“ (Löcker Verlag 2015).

Wie es sich Bundeskanzler Kurz vorstellen kann, mit diesen Scherzkeksen nach der Neuwahl wieder eine Koalition einzugehen, ist mir ein Rätsel.

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