Arbeitslosengeld neu: 160.000 Menschen auf dem Abstellgleis

Strache, Kurz und das alte Tachinierer-Modell führten zum „Arbeitslosengeld Neu“. Doch nur, wer in der Gesellschaft bleibt, findet einen neuen Job.

Die kennen sich nicht aus, diese beiden ÖVP und FPÖ-Politiker. Diese neue Regierung mit ihrem „Arbeitslosengeld neu“. Dabei sind die doch keine „Frischgefangten“, sondern schon lange dabei. Denn wie kann man Arbeitslosigkeit wirksam bekämpfen? Nicht, indem man diese bereits abgewirtschafteten, „aussortierten“ Leute unter Druck setzt, sondern im Gegenteil – die brauchen Unterstützung.

Bisher war es so, dass vor allem zwei Gruppen in der Notstandshilfe blieben und nicht auf die Mindestsicherung auswichen: Solche, die vorher relativ gut verdienten und eine relativ hohe Notstandshilfe bezogen – die sowieso mit 1200 Euro gedeckelt war. Gestandene Hackler, Nachrichtentechniker, Kranfahrer..., über fünfzig Jahre alt, die die Firmen nicht mehr wollen und die zum Teil auch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben. Die andere Gruppe und die wird in den Medien vergessen, waren solche Arbeitslose, die bis zu 400 Euro im Monat dazu verdienen durften und konnten. Denn wie findet man wieder einen Job? Indem man Zuhause herumsitzt und spart? Sicher nicht. Man muss hinaus, Leute kennenlernen, in der Gesellschaft sein, teilhaben... - sich wichtig fühlen sozusagen. Selbstbewußt genug, um einem zukünftigen Chef oder einer Chefin gegenüberzutreten. Deswegen ist der Zuverdienst so wichtig, man bleibt in Kontakt mit Firmen. „Tausend neue Kontakte und Sie haben einen Job“, wird im AMS-Kurs gelehrt. Wie soll man aber hinausgehen, sich neuen Mneschen vorstellen, wenn man ständig mit dem existenziellen Überleben beschäftigt ist? Sich geniert – kein Friseur, keine neuen Winterstiefel, kein Geld, um jemand auf einen Kaffee einzuladen? Bei der Mindestsicherung sind schlanke 40 Euro Zuverdienst erlaubt. Auf diese Weise wird allein Pfusch und Schwarzarbeit gefördert, denn es gibt keine Wohnungen unter 500 Euro mehr. Ist das das wahre Ziel dahinter? Rechtlose Pfuscher, die man nach Bedarf verschieben kann? Saisonarbeit weitet die neue Regierung z.B. aus – Nachschub für Migranten-Haß.

Disziplin und Zwang

In welche existenzielle Ängste man über 50jährige jetzt stürzt, wenn nach dem Arbeitslosengeld gleich die Mindestsicherung angesteuert werden muss, kann man sich vorstellen. Wer sich eine Eigentumswohnung mühsam erarbeitet hat (Wie war das noch mal mit Einkommenswohnungen schützen, Herr Kurz?), die er seinen Kindern weiter geben will, nach einem langen Arbeitsleben, auf das ab fünfzig Jahre für viele automatisch die Arbeitslosigkeit folgen wird, kann es vergessen. Oder er bringt sich um, wie mein Opa, als er seinen Papiervertrieb verlor. Oder wie meine Uroma aus Armut, nachdem ihr Mann, ein Buchdrucker, gestorben war, der eine schleichende Vergiftung hatte durch die Bleibuchstaben. Es ist ein trauriger Witz, dass, weil es eventuell ein paar Hundert mögliche Betrüger gibt, 160.000 Menschen in die erweiterte Armut gestürzt werden. Statt dass man die Betrüger findet (kleiner Tipp: die Bauarbeiter, die in Arbeitskleidung und mit schmutzigen Schuhen auf das Arbeitsamt kommen. Aber die Bauwirtschaft, die in Wien nur noch „Vorsorgewohnungen“ für Eigentümer baut, braucht doch staatliche Förderungen nicht wahr? Wieso haben die dann nicht genug Lohn für ihre Bauarbeiter?) und die anderen leben lässt.

Beobachten und misstrauen

Dahinter steckt ein ideologisches Modell, das man neulich im Fernsehen bei Herrn Rosenkranz beobachten konnte. „Disziplin!“ rief er aus, als es zum Thema Bildung kam. Für Kleinkinder im Kindergarten. Beobachten und strafen, zwingen und misstrauen. Das bedeutet, auf ältere Arbeitnehmer umgebrochen, das alte Tachinierer-Modell, das keiner arbeiten wollen würde. Dass es bei Arbeitslosigkeit um Faulheit ginge! Dabei kommen, wenn ich richtig rechne, derzeit acht Arbeitslose auf eine freie Stelle (50.000 freie Jobs, 400.000 Arbeitslose). Man konnte genau sehen, wie die älteren Arbeitslosen sich jetzt um die 20.000 Jobs bemühten, sich quasi um die rauften, die der ehemalige Bundeskanzler Kern initiiert hat. Die waren sofort weg. Wer etwas länger überlegte, der Bewerbung noch den letzten Schliff verlieh, ging leer aus. Das Gesundheitsproblem, das viele Menschen jahrzehntelang für die Firma über ihre körperlichen Grenzen gingen, bzw. dass es Arbeit gibt, die Krankheiten verursacht, ohne dass Firmen sich für den Menschenverschleiß verantwortlich fühlen, lösen Strache und Kurz so auch nicht. Die sterben dann eben früher. Pensionsproblem gelöst – boshaft gesagt.

Von wegen Tachinierer: Wer will schon Zuhause sitzen? Wohl nur die Menschen, die zu viel arbeiten müssen und in ihrem täglichen Streß Wut- und Hassgefühle auf Arbeitslose entwickeln können, die es angeblich so schön hätten in ihrer Armut.

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