Weil sehr viele Deutsche und Österreicher vertriebene Vorfahren haben, sollen nun die heutigen Flüchtlinge an den emotionalen Folgen zu leiden haben? Die wahren Täter kommen so unerwähnt und ungeschoren davon.

Nach dem Donauinsel-Fest war es wieder einmal so weit – ähnliche Gespräche habe ich schon wirklich oft geführt. Ein Radler (Bier) mit guter Aussicht auf die Donau und der einsame, gelangweilte Wirt beginnt, ungefragt auf die Flüchtlinge zu schimpfen - das durch die derzeitige österreichische Regierung legitimierte Feindbild: „Meine Oma durfte nur schnell, in fünf Minuten, alles was in eine Schubkarre passte, einpacken, und musste sofort ihren Bauernhof in der ehemaligen Tschechoslowakei verlassen. Ihr hat damals niemand geholfen. Den heutigen Flüchtlingen hilft jetzt jeder, die kriegen alles.“ Dazu schaut der ältere Herr „angefressen“. Seine Verbitterung wegen seiner vertriebenen Großmutter führt also beim Enkel dazu, dass er Flüchtlinge nicht ausstehen kann, denen ja angeblich „jeder“ helfen würde. Abgesehen davon, dass es ein seltsames Argument ist - weil den einen nicht geholfen wurde, soll den anderen auch nicht geholfen werden - ergeben diese Vorstellungen ein interessantes Menschenbild: Auf ewig niemandem mehr helfen? So ein Verhalten würde also die Oma und deren Schmerz rehabilitieren? Dann wäre die Oma samt Schubkarre (öst. „Scheibtruhe“) und ihre Vertreibung und Flucht gerächt?

Vertriebene des Ersten Weltkriegs

Schon der Dreißigjährige Krieg hatte Millionen von Menschen das Leben gekostet und die deutsche Regierung forderte anschließend Hugenotten, die in Frankreich wegen ihrer Religion verfolgt wurden, zum Einwandern auf, um menschenleere Landstriche zu bevölkern. 40.000 Hugenotten kamen. Im 18. Jahrhundert warb die russische Zarin z. B. gezielt Menschen aus deutschsprachigen Ländern an und 700.000 Auswanderer aus Deutschland folgten der Einladung nach Russland. Nach dem Ersten Weltkrieg veränderte sich die Landkarte stark und zehn Millionen Menschen flüchteten, wurden umgesiedelt, vertrieben, oder gingen von selber. Frankreich hatte gesiegt. In das Land des Kriegsverlierers Deutschland zogen eine Million neuer Bürger, für die Regierung der Weimarer Republik eine große Belastung. Aus den ehemaligen Kolonien, aus Polen, aus Russland, aus Elsass-Lothringen kamen Flüchtlinge: „Nach ihrer Ausweisung aus Elsass-Lothringen irren viele Vertriebene zunächst ziellos in den grenznahen Gebieten umher. Niemand ist auf ihre Aufnahme vorbereitet. Die Bevölkerung vor Ort verhält sich nicht immer freundlich gegenüber den Neuankömmlingen“, steht in dem Buch „Ein Blick in die deutsche Geschichte. Vom Ein- und Auswandern“: „Zum Glück helfen Ortsvereine des Roten Kreuzes mit Kleidung und Lebensmitteln. Verzweifelt wird nach Unterbringungsmöglichkeiten für die Vertriebenen gesucht – leider oft ohne Erfolg.“

Fehlendes Mitleid

Noch vor der massenhaften Ermordung der europäischen Juden ab 1941, als das Abwanderungsverbot griff, waren um die 600.000 Juden geflohen. 30.000 Sozialdemokraten und Kommunisten verließen Mitteleuropa. Die Nationalsozialisten setzten stark auf ausländische Arbeitskräfte für ihre Rüstungs-Wirtschaft, die in der Zwangsarbeit landeten. 7,8 Millionen Polen sollten eigentlich durch die Nazis vertrieben werden, nur 1,7 Millionen Polen galten als „eindeutschfähig“. Ein Großteil der ins das Reich gelockten eine Million „Volksdeutsche“ landete in Lagern – in denen sie bis nach dem Krieg verblieben. Ein Grund für deren Nachfahren, sich nun für andere Lager zu wünschen?!

Sechzig Millionen Menschen waren in Folge der nationalsozialistischen Herrschaft und des Krieges umgekommen. Zwölf Millionen ehemalige ausländische KZ-Insassen und Zwangsarbeiter und über zwölf Millionen deutsche Flüchlinge und Vertriebene mussten eine neue Heimat finden. Vierzehn Millionen Deutsche flüchteten noch während des Krieges aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches nach Deutschland zurück. Sechs weitere Millionen flüchteten vor den vorrückenden Sowjets. Die meisten zu Fuß und auf Pferdewagen. 1, 5 Millionen Deutsche flüchteten über die Ostseehäfen in Richtung Westen. Diese Zahlen ergeben schon insgesamt 21,5 Millionen Deutsche, deren Nachfahren das Thema „Flucht“ aus der eigenen Familie ganz persönlich kennen. Viele sogar über zwei Generationen. Warum nun genau diese so unbarmherzig sein „müssen“, ist für mich persönlich nicht logisch. „Mitleid mit den Flüchtlingen hatte in Europa kaum jemand angesichts der Schrecken von Krieg, Terror, Zwangsarbeit und Massenmord, die das nationalsozialistische Deutschland verursacht hatte“, steht im Buch. Soll diese Verbitterung wegen des damals fehlenden Mitleids nun in alle Ewigkeit weitergetragen werden?! Die Auslöser für Fluchtbewegungen wieder einmal vergessen? Die wahren Täter kommen auf diese Weise unerwähnt und ungeschoren davon.

Jochen Oltmer & Nikolaus Barbian: Ein Blick in die deutsche Geschichte. Vom Ein- und Auswandern. Mit Illustrationen von Christine Rösch. Verlagshaus Jacoby Stuart, Jugendsachbuch

Jacoby Stuart Verlag http://www.jacobystuart.de/buecher-von-jacoby-stuart/kinder-jugendsachbuch/jugendsachbuch/ein-blick-in-die-deutsche-geschichte/

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