Manche Leute bewohnen ihre eigene Wohnung nicht. Über eine Frau, die ein Bild des Birkenau-Überlebenden Karl Stojka besitzt.

„Diesen Raum benutze ich fast nie?“, flüsterte die ältere Frau. „Warum flüstern Sie plötzlich?“, fragte ich. „In Ihrer eigenen Wohnung?“ Zu sehen war ein Wohnzimmer mit einem riesigen Tisch in der Mitte, weißes Tischtuch drauf. Ein schöner Raum. Helles Licht durch die Fenster, Blick auf Bäume hinter einer Wäscherei. Rechts in dem hellblau gestrichenen Zimmer hing ein Bild einer riesigen Welle an der Wand, das so gemalt war, dass mir plötzlich schummerig im Magen wurde. Ich mochte es gar nicht ansehen. Mir wurde schlecht. Links an der Wand hing ein braunes Bild, braun in braun, eine Art Holzhütte mit Stiege darauf, über Erdhügel. Die Frau hatte mich in ihre Wohnung geführt, weil sie mir ein Bild von Karl Stojka zeigen wollte, dass er ihr geschenkt hatte. In der ehemaligen Elternwohnung, die sie übernommen hatte.

Die Sterne auslöschen

Das Bild des Birkenau-Überlebenden hatte sie in einer Schublade. „Zu starke Ausstrahlung“, sagte sie. Zu sehen war eine kleine Figur, ähnlich einem Marsmenschen mit Antennen, und dahinter die Wachtürme von Auschwitz. Sie schüttelte sich, als sie es anschaute. Karl Stojka musste als Lovara-Rom mit 12 Jahren in der Kantine von Auschwitz arbeiten, gemeinsam mit zwei anderen Zigeunern.

„Hitler wollte die Sterne auslöschen, doch diese leuchteten und leuchteten weiter“, steht unter einem blutroten Bild, auf dem eine Reihe Soldaten ins Rote schießt. Oben ein Stück schwarzer Himmel mit einem gelben Stern. (Z5742, Karl Stojka 1989). Auf einem anderen Bild sind lauter gelbe Sterne in der Rauchwolke zu sehen, die aus dem Turm aufsteigt.

Ein Antiquitätenhändler, bei dem ich mich wegen eines Gewitters unterstellte, schenkte mir überraschend drei Kataloge von Karl Stojka, den er persönlich kannte. Stojka zeichnet die Nazis durchgehend alle mit Skelettkopf - als wandelnde Tote, die den Tod verbreiten. „Ich bezeichne mein Leben selbst auf dieser Welt nur als eine Durchreise, so glaube ich, dass ich durch die Farben, die in meinen Bildern so kräftig sind, den Weg ins nächste Leben vorbereite“, steht im Katalog.

Probeweise abhängen

Diese Frau benutzt also ihr eigenes Wohnzimmer nie. Seltsam. Das braune Bild stammt von ihrer Mutter, die eine Nazi-Frau war, eine Deutsche, sagt sie. Es hängt zur Erinnerung an ihre Mutter an diesem Ort und es gruselt sie, wenn sie es anschaut. „Wir könnten es ja nur mal probeweise abhängen?“, sage ich und gehe auf das Bild zu. „Nein, das geht nicht“, meint sie und drängt mich in Richtung Türe. Das Bild mit der Welle gehört zu einem U-Boot Bild, das mir erst jetzt auffällt. Es erinnert an ihren Onkel, der im Weltkrieg in einem U-Boot gestorben ist. Ob sie ihn überhaupt kennengelernt hat, weiß ich nicht mehr. Das kleine Schlafzimmer ist voll gehängt mit Theaterkarten und vergilbten Fotos von Schauspielern. Original von ihrem Vater aufgehängt. Sie bringt es nicht über das Herz diese Sachen abzuhängen, aber immerhin benutzt sie diesen Raum.

Im Vorzimmer steht ein Polstersessel unter einem kleinen Dachfenster. Daneben eine gelbe Stehlampe und ein Bücherregal. Der Raum wirkt richtig gemütlich. Das Vorzimmer ist ihr eigener Raum, dort fühlt sie sich geborgen.

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robby

robby bewertete diesen Eintrag 04.08.2020 20:42:42

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