Eine Flüchtlingsfrau mit Allüren, eine Musikerin, arbeitete später auf der Wiener Trabrennbahn. Dort lebten während des Bosnienkrieges viele ältere Bosnierinnen, die aus ihren Dörfern vertrieben worden waren.

In Zeiten des Bosnienkrieges fand ich mitten in Wien eine Frau auf der Straße. Eigentlich mein Hund, denn die gelernte Tierkrankenschwester sprach meinen Schnauzermischling an. Sie trug eine viel zu große Lederjacke und Cowboystiefel und lebte auf der Straße.

Angeblich hatte sie in Gasthäusern in Banja Luka gespielt, und eines Abends verlangte ein rauschiger Nationalist ein spezielles Lied zur Gitarre von ihr und bedrohte sie mit dem Maschinengewehr. Sie weigerte sich trotzdem, dieses Lied zu spielen. Sie drückte ihm die Gitarre in die Hand und lief davon. Aber der Vorfall gab ihr so viel Schubkraft, dass die nach eigenen Angaben „bosnische Serbin“ stante pede nach Wien aufbrach, wo eine Tante lebte, deren Adresse sie aber nicht wusste. Diese Frau kann bis heute 200 Roma-Lieder auswendig. Eventuell war sie damals die Einzige, die sie noch im Gedächtnis hatte.

Omas aus den Dörfern

Diese Flüchtlingsfrau ernährte sich von Zigaretten und Bier, rauchte Kette. Sie redete ziemlich herb über alle diese Angeber-Typen, die den Krieg forcierten. Einmal besuchte ich sie auf der Trabrennbahn, auf der sie später arbeitete. Mitten im Wiener Prater saßen dort lauter kleine, schwarz angezogene, verhutzelte Omachens mit Kopftuch herum, deren Verwandte mit den Pferden arbeiteten. Auf Holzpfosten sassen die, sah zumindest so aus. Daneben die Pferde, die aus den Ställen herausschauten. Oben drüber schliefen die Trainer und Stallburschen. Das Bild wird mir für immer bleiben, die Reihe der kleinen, schwarz angezogenen, geflüchteten bosnischen Bäurinnen.

Ich brachte die Frau zu einer Frauenband, bei der sie jeder einzelnen Musikerin ihr Instrument erklärte und sich ziemlich arrogant und besserwisserisch aufführte. Die wollten nicht mit ihr spielen. Inzwischen spielt sie bei einer berühmten Wiener Frauenband, deren Band-Frauen gut genug für sie sind.

Das Leben ist viel viefältiger und verrückter, als es sich zum Beispiel diese Identitären, die gerade um die Aufmerksamkeit der Justizministerin betteln, vorstellen können.

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berridraun

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G. Szekatsch

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