New York/Brooklyn: Wenn schon Lehrerinnen dagegen sind, dass Kinder gut behandelt werden, dann ist die Aufteilung von Menschen in verschiedene „lebenswerte“ Kategorien schon sehr weit fortgeschritten.

Ein Hotel-Frühstücksraum in New York, Brooklyn: Im Keller, keine Fenster, Maschinen, die frisches Joghurt, Haferbrei oder Waffeln produzieren. Ein Riesenfernseher, in dem nonstop FOX News läuft, lächelnde Moderatoren zynisch über Menschen, die gegen Trump protestieren, herziehen. Arbeiten tun in New York dem Augenschein nach allein Afroamerikaner und Latinos (außer die Polizisten in der U-Bahn, die sind weiß). Beim Frühstücks-Buffett in diesem Hotel arbeiten zum Beispiel eine ältere jamaikanische Frau mit kurzen Haaren und eine junge Latina.

Eine weiße Frau mit hagerem Gesicht und gefärbten brauen Haaren trinkt ihren Tee. Sie war Grundschullehrerin, doch alle Kinder liebt sie nicht. Dass Trump die Kinder der Neu-Einwanderer einsperren lässt, stört sie nicht. Im Gegenteil, sie verteidigt den derzeitigen US-Präsidenten. „Die Käfige für die Kinder hat schon Obama bauen lassen“, behauptet sie. Doch wenn das stimmen würde, was soll das an der Situation ändern? Warum können diese armen, verlassenen Kinder nicht wenigstens in schönen Häusern mit warmen Zimmern wohnen? Und gute Betreuung erhalten, damit der Schock der Trennnung von den Eltern nicht so schlimm ausfällt? Die Lehrerin in Pension zuckt aus. Sie ruft mit kalter Wut: „But that’s our money!“ Sie will also nicht, dass ihr Steuergeld in irgendwelche besseren Unterkünfte gesteckt wird. Und das alles nur, weil diese Kinder aus anderen Ländern stammen. Wie sie wohl als Lehrerin für Volksschüler war?

Wegschmeiß-Junkies

Zu zweit versuchen wir der Frau klar zu machen, dass es doch gar nicht so teuer wäre, ein paar Häuser für die Kids zu adaptieren und ein paar „gscheite“ Betreuer und Betreuerinnen zu finden. Im Vergleich zu den Folgeschäden für die Kinder, egal in welchem Land die einmal leben werden. Plötzlich erzählt sie uns, dass ihr Ehemann einmal die Woche in den Kindergarten in ihrer Stadt vorlesen geht. Der Mann, der durch einen Schlaganfall gezeichnet ist, nickt freudig. „Die Betreuerinnen sagen den Kindern, dass sie in einer Reihe stillsitzen sollen. Das funktioniert ganz gut. Ich darf das Buch aussuchen.“ Seine grünen Augen leuchten und man merkt, dass ihm dieses Vorlesen Spaß macht.

Im FOX Fernsehen wird derweil ein Schauspieler herunter gemacht, der als Teil der „Twitter Mafia“ bezeichnet wird. Ein dicker Afroamerikaner kriegt einen Wutanfall und verschluckt sich an seinem Rührei. „I am a black republican“, ruft er, „aber dieser Mann ist ein sehr guter Schauspieler!“ Keine Reaktion von den anderen Gästen. Auf die Intervention des „black republican“ an der Rezeption (ein Latino und ein Inder arbeiten da) wird ein paar Stunden lang ein anderer Fernsehkanal eingestellt, doch am nächsten Morgen: schon wieder FOX News. Vielleicht haben die einen Vertrag mit dem Hotel?

Wir erzählen der Jamaikanerin, dass in Europa in Hotels jeden Tag das Geschirr abgewaschen wird und wiederverwendet. Sie staunt. Hier in Brooklyn schmeißt man jeden Tag nach dem Frühstück seinen Becher, Teller und das Besteck in einen riesigen Abfallkübel. Manche nehmen sich für jedes neue Getränk einen neuen Becher.

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