Sein oder Nichtsein, alles läuft derzeit auf die Frage „Arier oder Nichtarier“ hinaus? Dass jeder Mensch mehrfache Identitäten besitzt - als Hackler, als Familienmensch, als Bürger, als Billardspieler oder als Boxer-Herrli… - wird geleugnet.

„Es gibt eine Krise des männlichen Ernährers und Liebhabers“, sagte der Psychotherapeut Klaus Ottomeyer auf einer Veranstaltung im Wiener Republikanischen Klub. „Ein Drama des verzagten Mannes. Deswegen ist der Ramboismus nun wieder im Kommen. Die Theorien vom Überleben des Stärkeren, des Survival of the Fittest.“ Der Klagenfurter Sozialpsychologe versucht sich den mörderischen IS-Kämpfern anzunähern, doch es bleibt ein „unerklärter Rest“ zurück, wie es ein Zuhörer später ausdrückt.

Die Identitätskrise drücke sich auch im Sozialen aus und die „Kulturkreis-Identität“ mache die Runde. „Der Islamismus antwortet auf die moralische Krise der westlichen Identität“, meinte Ottomeyer. Sündenböcke des angeblichen „moralischen Verfalls“ würden auch von der FPÖ ausgemacht: Die Frankfurter Schule, Feminismus, Parallelgesellschaften... Viele kämen nicht mit ihren eigenen „kulturellen Mehrfach-Identitäten in zeitlicher Abfolge“ zurecht und hätten das Gefühl, ihr Ich zerfalle.

Die zentrale Frage wäre, „wie hält man Menschen davon ab unter kulturelle Großzelte zu flüchten“. Wie eben das Großzelt „Neo-Patriarchat“. „Großidentitäten“ wären nur eine „Schiefheilung“, also keine echte Heilung des Gefühls des Ich-Zerfalls. Ottomeyer: „Im Identitätsprojekt der Moderne – Arier oder Nichtarier – sind Ambivalenzen verboten, das Mehrdeutige wird ausgesondert. Dabei müssen wir das aushalten, das wir mehrdeutig sind!“

Das Gesicht des Leidenden

Im Ottomeyer-Buch bleibt das Erzähler-Ich ganz nah an den Leser_innen dran, verwendet aber schon sehr viel Fremdwörter. Ottomeyer bearbeitete einen alten Text von 1977, deswegen kommen Worte wie „Kapitalismus“ gehäuft vor. Den Schock der Finanzkrise von 2008 behandelt er auch: „Nach kurzer Schreckstarre reagierten die Mächtigen (...) mit einer verhärteten ‚Jetzt-Erst-recht’-Position.“ Der Zombie-Neoliberalismus sei im Kommen.

„Wie hält man so genannte Bürger zweiter Klasse davon ab, sich in Einfach-Identitäten zu flüchten?“, fragt er am Schluss der gut besuchten Veranstaltung noch einmal. Man könne nicht alles mit dem Sozialen erklären, denn „wenn Kinder geköpft werden, kann man das nicht allein mit sozialen Verwerfungen erklären. Heldentaten, bei denen man sich opfert, waren schon bei den Spartanern beliebt. Das Gesicht des Leidenden geht verloren.“

In seinem Buch „Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen“ konzentriert sich Klaus Ottomeyer auf dieses Gesicht des Leidenden. Zum Beispiel, wenn er über Bettler und Vagabunden schreibt, die für ihre Arbeitslosigkeit auch noch bestraft wurden. Eine Ideologie mit langer Tradition: „Heinrich VIII. ließ während seiner Regierungszeit 72.000 Personen, die des Vagabundentums angeklagt waren, einfach aufhängen. Unter Edward VI. bekam derjenige, der einen Arbeitslosen oder Vagabunden anzeigte, diesen als persönlichen Sklaven zugesprochen.“

Männer, die sich als Überlegene von "Nichtariern" fühlen, sollten also mal ihr freundliches "Boxer-Herrli-Ich" integrieren. Oder fühlen sie sich auch "Mischlings-Hunden-Besitzerinnen" überlegen? Sonst zerfällt ihr Ich?

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berridraun

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G. Szekatsch

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rahab

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