Eine provokante Theorie: Was Österreichern an „Ausländern“ am meisten auf den Nerv geht und sie „befremdet“, ist deren Fleißigkeit, ihre konservative Einstellung und ihr unerschütterlicher Glaube an traditionelle Werte wie Familie oder Religion. Denn sie selbst emanzipierten sich bereits von diesem Denken.

Eigentlich könnte Integrationsminister Sebastian Kurz doch zufrieden sein: MigrantInnen haben seine „Leistung! Leistung! Leistung!“-Rufe inhaliert und internalisiert. Viele MigrantInnen haben das Leistungsprinzip in ihr eigenes Selbstwertgefühl aufgenommen und glauben nun schon ganz eigenständig selber, dass sie nur etwas wert wären, wenn sie möglichst viel leisten. Manchen ÖsterreicherInnen geht diese übertriebene Bravheit und Hörigkeit gegenüber dem Chef auf die Nerven. Sie gehen lieber pünktlich nach Hause, als im Geschäft noch gratis und freiwillig den Boden zu wischen, als unbezahlte Überstunde.

Diese konservative Entwicklung begann bereits lange vor der Geburt der ÖVP-Hoffnung Kurz. Österreich holte sich Gastarbeiter aus anderen Ländern, die fleißig und ohne Deutschkurse schwere körperliche Arbeit leisteten. Viele brachten konservative Weltbilder mit: Leistung bis zum Umfallen für „unsere Firma“, Familie und viele Kinder. Ernährer und Vater. Doch in Wirklichkeit funktionierte das konservative „Leitbild“ nicht durchgängig, denn viele mussten ihre Kinder im anderen Land zurücklassen, da Österreich keinen Familiennachzug erlaubte. Der Preis für die brave Hackler-Leistung und den Schilling am Konto war hoch. Viele Kinder wuchsen ohne Vater auf. Das sind die Kids, die sich jetzt weigern, dieselben Berufe zu machen wie ihre erschöpften Väter, und lieber in den Parks herumhängen und große Töne schwingen. Wer ohne väterliche Anerkennung und Grenzsetzung aufwuchs, muss sich die Aufmerksamkeit eben anderwertig organisieren.

Konservatives Frauenbild

Im Zielpunkt konnte man im Alltag sehen, wie fleißig ex-jugoslawische Frauen hackelten. Die Chefin um sechs Uhr früh als erste im Geschäft, und die letzte, die abends um 20 Uhr den Laden zusperrt. Das sind 14 Stunden. Täglich, außer Sonntag. Doch auch hier war der ungesehene Preis hoch: Viele Ex-Jugoslawinnen, die als Kriegsflüchtlinge Österreich erreichten, versuchten sich in diesen heftigen Arbeitsmarkt zu integrieren und mitzuhalten. Zu schweigen und mit Kaffee und Tschick den Tag zu überstehen. Bis der Krebs zuschlug oder der Magen höher gehängt wurde (wie bei meiner Nachbarin, Reinigungsfrau im AKH). Unterdrücktes, unbewusstes Leben, das „falsche Selbst“ – Verdrängungen, die sich rächen und auf die Kinder ausstrahlen. Türkinnen waren in Bezug auf Erwerbsarbeit konservativer als die sozialistisch geprägten Jugoslawinnen - genau das, was ihnen jetzt vorgehalten wird: Frauen, die als konservative Ehefrau zu Hause bleiben und nicht mit der Welt in Kontakt treten, die plötzlich Kopftuch tragen und nur noch türkische Sender („Terröriste, Terröriste!“) schauen, sind suspekt. In ihrer „Parallelwelt“ Kinder großziehen und nie einen Deutschkurs besuchten. Bei deren Kindern der konservative Leistungs-Betrug und Wahn in sich zerbarst: Der eine Sohn meiner türkischen Nachbarin findet keine Arbeit als Installateur, der andere hackelt nonstop bei einer Möbelfirma, um die gesamte Familie zu erhalten. Letzteren sieht man seit Jahren nur rennend. Er soll jetzt mit Glücksspiel begonnen haben.

„Befremdet“ vom Konservatismus

Besonders gemein ist der Versuch, diese alten Leistungskriterien der schweigenden „Gastarbeiter“-Generation nun auf die neuen Flüchtlinge auszudehnen. ÖsterreicherInnen zu suggerieren, dass sie sich „leistungsbereite“ Menschen aussuchen dürften, und noch gleichzeitig auf die eigene Versorgung durch den Staat pochen. Die „Fremden“ sollen die schwere Arbeit machen, aber gleichzeitig niemand angenehme, ertragsreiche Arbeit wegnehmen. Aber auch keine Sozialleistungen erhalten, bitte. Das Ergebnis sind Pfusch und „Schwarzarbeit“ in ungeahntem Ausmaß. Warum arbeitet denn kein einziger gebürtiger Österreicher mehr am Bau? Aus Protest gegen die Unternehmen? Sicher, es gibt Lohndumping und verstärkte Ausbeutung, doch im Hotelgewerbe wollen nun selbst „die Fremden“ aus Ostdeutschland oder Ungarn nicht mehr unter diesen unternehmerischen Bedingungen arbeiten. Das gibt Hoffnung. Gestern war ein Gastgewerbe-Gewerkschafter im Fernsehen, der sich verteidigte, dass er wegen der Kinder wenigstens einen Sonntag im Monat freihaben will!

Konservatismus der Kleinen

Die syrischen Familien, die ich bisher traf, sind ebenfalls konservativ eingestellt und wären, bei guter Behandlung, eine zukünftige Wähler-Zielgruppe der ÖVP. Doch die checkt es nicht. Konservativ halten diese Kriegsflüchtlinge, ehemalige Mittelschicht aus Syrien, die Familienwerte hoch. Viele Kinder. Pragmatisch fordern sie trotz ihrer Kriegstraumata Erwerbsarbeits-Möglichkeiten ein. Sie wollen ihren Konservatismus auch in Österreich leben. Aber die ÖVP-Minister wollen genau das verhindern: Denn ihr Konservatismus-Modell ist eines der Eliten und sollte gefälligst mit Macht und Eigentum verbunden sein. Wo kämen wir denn dahin, wenn jeder kleine „dahergelaufene“ Flüchtling glaubt, konservativ sein zu dürfen?

ÖsterreicherInnen, die sich vom „Konservatismus-Modell“ emanzipiert haben, sind nun „befremdet“, wenn ausländische Frauen viele Kinder haben und zu Hause bleiben, migrantische Männer sich körperlich ausbeuten lassen und trotzdem an konservative Werte wie Leistung oder Religion in strenger Vater-Auslegung und Züchtigungsvariante glauben. Denn „wir“ sind eher in der Theorie konservativ, in der Praxis aber nicht.

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