Ein junger Afghane ermordet seine Schwester in Wien, Dutzende Männer belästigten am Kölner Hauptbahnhof deutsche Frauen – dann geschieht sofort ein Missbrauch dieser Ereignisse. Sie werden öffentlich politisiert und ausgenutzt – für den Stimmengewinn der „Rechtsrechten“. Wählerfang durch Schadenfreude.

Erinnern wir uns daran, wie die Willkommens-Stimmung gegenüber den Flüchtlingen kippte. Einige Dutzend Marokkaner und Männer anderer Nationalitäten hatten in Sylvesterlaune und betrunken am Kölner Hauptbahnhof ihnen fremde Frauen „angetanzt“ und begrapscht, also sexuell belästigt. Über 100 Anzeigen. Es folgte ein Aufschrei. Sämtliche Flüchtlinge wurden als eine Art Einheit an den Pranger gestellt. Ihre soziale Herkunfts-Kultur und ihr patriarchales Denken wären quasi unverrückbar - völlig undankbar wären alle Flüchtlinge, posaunte „Rechtsrechte“ hocherfreut. Sie hätten es ja schon immer gesagt, ausländische Männer seien per se Vergewaltiger und Kinderschänder. Die Muslime! Der Islam!

Was ein Versuch bestimmter Gruppen (die Polizeiuntersuchung ergab jetzt, dass die sich nicht abgesprochen hatten) war, im Aufnahmeland als Mann eine gewisse Übermacht gegenüber den dortigen Frauen anzustreben, sie in klassischer Manier durch sexuelles Mobbing zu unterdrücken, wurde sofort völlig umgedeutet. In eine potentielle Gefahr von Vergewaltigung und sexueller Gewalt durch alle Flüchtlinge. Warum kompliziert soziale Hierarchien diskutieren, wenn es einfach auch geht: Grenzen zu, nur unsere sexuellen Belästiger dürfen dableiben.

Wahre Prävention

Nun in Wien ein ähnliches Modell: Statt dass die polizeiliche Untersuchung abgewartet wird, warum der junge Afghane seine arme Schwester ermordete, sofort Hohn, Spott und Schadenfreude gegen die „Gutmenschen“, die angeblich wahren Mittäter, „die die Vergewaltiger und Mörder ins Land einladen“ würden. Mit 14 Stichen getötet, was auf Raserei hinweist, ein schrecklicher Tod für das arme Mädchen durch ihren eigenen Bruder (Gerade im Fernsehen: ein 14jähriger hat seinen Vater erstochen). Statt dass es aber zumindest einen Trauertag für das Mädchen gibt, erscheinen sofort Artikel über „Ehrenmord“ und „diese afghanische Kultur“ - simple „Lösungen“ also. Die Wahrheit der Ermordung wird missbraucht, um einen politischen Gewinn für die extreme Rechte zu erzielen. Bzw. nicht einmal mehr nur für die extreme Rechte, denn seit der Kurz’schen Stimmengewinnungs-Strategie durch Runtermache und Ausgrenzung von Flüchtlingen, hat sich das Feld sehr ausgeweitet. Das Feld der Menschen, die sich freuen und bestätigt fühlen, wenn „ein Ausländer“ etwas tut, was nicht wenige österreichische Männer auch machen: Frauen und Mädchen ermorden (eine pro Woche). So ist keine Trauer möglich. Und keine wahre Prävention. Der Schaden wird nach der Wahl, wenn NVP-Obmann Kurz endlich mit dieser Art von Eigenwerbung aufhören wird, nicht wieder gut zu machen sein.

Erotische Dominanz

In meiner Studie zu Frauenmord, in der ich über 5000 Zeitungsartikel über dreißig Jahre hinweg zu ihrer Beschreibung von Frauenmorden und Vergewaltigung untersuchte, tauchte der „Ehrenmord“ ebenfalls auf. In einer Riesengeschichte, einer Serie über einen langen Zeitraum hinweg, wurde der angebliche „Ehrenmord“ dann durch ein Gericht aufgeklärt. Die 22jährige Nebehat Polat aus Wien Mariahilf wurde 1981 ermordet, weil sie auf Anregung ihres österreichischen Freundes ihren Vater bei der Fremdenpolizei anzeigte, da dieser illegal Bauarbeiter einschleuste. Kein „Ehrenmord“ also, wie die Zeitungen zu Beginn ausführlich spekulierten, sondern ein Mord aus ganz konkreten finanziellen Gründen.

Zentrale Frage in allen Krone und Kurier-Artikeln war die „weibliche Zustimmung“ zu Geschlechtsverkehr mit Männern, egal welcher Herkunft. Und wie dieser Zugang zu Frauen organisiert wird bzw. werden soll, so dass er freiwillig und freudig bleibt. Und welche Männer welche Vorrechte haben und ihre Dominanz gesellschaftlich und öffentlich erotisch ausleben dürfen. „Ausländische“ Männer, nein, inländische Männer ja – eine schöne Ablenkungsstrategie.

Soziale Hierarchien

In der Studie kam ebenfalls heraus, dass ausländische Männer ausländische Frauen, österreichische Mädchen, geistig Behinderte oder Prostituierte ermorden, also solche Menschen, die in der gesellschaftlichen Hierarchie unter ihnen stehen. Gemordet wird nämlich meistens von oben nach unten. Jemand stellt sich über das Leben, den Lebenswillen, die Lebensfreude eines anderen Menschen. Diese Hierarchien gilt es zu untersuchen und zu verändern. Indem zum Beispiel „ausländische“ Frauen und Mädchen gesellschaftlich unterstützt werden. Hier war es besonders traurig, denn das Mädchen lebte bereits in einer Krisenwohnung, besuchte aber nach wie vor die gleiche Schule. Ein lebensbedrohliches Problem, denn auch Gewalttäter mit Betretungsverbot warten oft am Kindergarten oder an ihrem Arbeitsplatz auf die Frau. Ein Betretungsverbot der Wohnung alleine hilft also nicht immer.

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