Der Trotz-Allem-Selbstmord-Schock

Ein Mann überlebte seinen ersten Selbstmordversuch, schrieb ein Buch und verabschiedete sich nun für immer. Ein Nachruf auf den Motivationstrainer Viktor Staudt.

Morgen hätte er in Leipzig eine Lesung abhalten sollen. Zum 20jährigen Bestehen der Ökumenischen Telefonseelsorge. Vor ein paar Tagen war noch ein großer Bericht über ihn im Fernsehen. Darin sah er so glücklich aus, wie er trotz Rollstuhl flott unterwegs war, in die Kamera strahlte. Er wohnte in Bologna, der schönen Studentenstadt, er schien seinen Lebenstraum endlich zu leben. „Redet, Männer! Beendet eure Probleme statt euer Leben. Ihr seid sicher nicht alleine“, sagte Viktor Staudt freundlich in die Kamera, der sich mit dreissig Jahren vor einen Zug geworfen und beide Beine verloren hatte. „Die Geschichte meines Selbstmordes“ hieß sein Buch. Erst wurde bei ihm Borderline diagnostiziert, dann eine schwere Depression. Er schien sich aber „derfangen“ zu haben, wie die Österreicher sagen. In Österreich heißt Selbstmord machen übrigens „sich hamdrehn“. Also nach Hause sozusagen.

Verkannte aggressive Depression

Der NANO-Bericht im Fernsehen (SAT) untersuchte, warum deutsche Männer dreimal so oft Selbstmord machen wie deutsche Frauen. Und warum? Weil sie nicht über ihre Probleme sprechen würden, sagte ein Psychiater! Es dauere urlange, bis bei Männern Depression konstatiert würde, denn bei Männern drücke sich Depression oft in Aggression aus. Männer könnten schlecht mit Trennung oder einer schweren Krankheit umgehen, nehmen dann manchmal die Abkürzung, statt Schritt für Schritt vorzugehen. Die Einsamkeit steigere sich im Alter. Aggressivität sei kein Mittel dagegen.

Eine Flüchtlingskinder-Therapeutin, die viel mit Selbstverletzungen von Flüchtlingen zu tun hatte, erklärte mir einmal im Interview, dass Selbstmord immer Borderline sei. Das stimmt aber nicht. Denn es gibt einerseits Selbstmordversuche, die auf Rache oder Erpressung hinauslaufen. Diese Menschen wollen aber meist gerettet werden. Manchmal läuft aber etwas schief, jemand kommt zu spät nach Hause, findet die Person nicht rechtzeitig und der überbordende Mensch stirbt quasi aus Versehen. Obwohl er oder sie eigentlich nicht wollte.

Nicht alles hilft leider

Andererseits gibt es noch die Selbstmorde, die so endgültig sind, dass keiner retten kann - heimlich, still und leise verabschiedet sich der Mensch von dieser schönen Welt. Diese Selbsttötungen betreffen Menschen, die eine schwere, meist langjährige Depression haben und einfach nicht mehr können, keine Kraft mehr haben. Mischvarianten gibt es sicher auch. Viktor Staudt hatte starke Unterstützung von Ärzten oder Psychiatern. Er probierte verschiedene „Heilungs“-Varianten aus. Bei ihm befürchte ich, dass das eintraf, was mir oben erwähnte Kindertherapeutin sagte: „Bei Borderline helfen weder Psychoanalyse noch Medikamente. Nur eine Traumatherapie.“

Bei schwerem sexuellen Missbrauch gibt es zum Beispiel die „Innere Kinder retten“- Therapie, die schonend ist. Nach einer israelischen Kinder-Therapeutin gibt es aber auch Übertragungen von Oma/Opa, die sogar kleine Kinder sehr belasten und zu merkwürdigen Symptomen führen können. „Borderliner“ sind für mich Menschen, denen als Kind in einer schrecklichen Situation keiner geholfen hat, und die die klassischen Wutausbrüche zeigen. Die ganz genau wissen, wo Schwachstellen bei Menschen liegen, denn nur auf diese Weise haben sie als Kinder überlebt. Ich wüßte gerne, wie Viktor Staudt sich umgebracht hat, ob er eine mögliche Rettung einkalkulierte. Vielleicht findet hier ja jemand etwas heraus.

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Persephone

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