Wien: Gürtelnähe, Feinstaub, Autostaus. Rumänen, die eine stolze Esche vernichten. Es war nur ein Baum, aber er war wichtig für unsere Nachbarschaft.

Hoch oben im Baum sitzt ein junger Mann und kräht lautstark in einer fremden Sprache. Anscheinend muss er sich ständig der Unterstützung seiner Kameraden unten versichern, die die Äste des Baumes mithilfe eines Seiles abtransportieren. Baumschnitt für den Winter, denke ich. Die pflegen den Baum. Als ich das nächste Mal schaue, fehlt ein Großteil des Baumes, dessen Wipfel über den Häusern schwebte. In dem Moment geht mir auf, dass die Jungs den Baum eventuell komplett abtragen und ich laufe hinüber. Das Gebäude gehört einer Burschenschaft, von der manchmal im Männerchor „Deutschland, meine Heimat“-Lieder herübertönen. Als ich ankomme, ist von der wunderschönen Esche nur noch eine dünne Krone übrig. „Komm’ herunter bitte, jetzt kann der Baum gerade noch nachwachsen!“, rufe ich dem jungen Mann hoch oben im Wipfel zu. Einen Sturzhelm hat er auf. „Der versteht Sie nicht, der kann überhaupt kein Deutsch“, sagt ein gelasssener Österreicher zu mir, der unten sitzt. Er trägt eine Jacke mit Firmenlogo drauf. „Gehören die zu ihrer Firma?“ „Nein, die gehören nicht zu unserer Firma“, ist die Antwort. „Was dann? Eine Subfirma?“ Keine Antwort. „In Bukarest gibt es wohl keine Bäume mehr?“, rufe ich den Baumschneidern zu. Die drei Rumänen (zwei liegen auf einer Art Vordach auf dem Bauch) lachen über mein Rumpelstilzchen-Verhalten. Ich erreiche, dass die MA 42 und das Büro für Sofortmaßnahmen vorbeischauen. Inzwischen geht es nämlich dem riesigen uralten Kastanienbaum an den Kragen. „Es geht um drei Bäume und drei Grundstücke, es gibt einen Bescheid“, sagt der Mann für Sofortmaßnahmen am Telefon.

Minipflanze am Kasten

Die Bezirksvertretung muss aber zugestimmt haben. Ich suche den erstaunten Baumreferenten im Bezirksamt auf. „Das geht so dahin, ein Baum nach dem anderen“, meint er. Er könne nichts tun. Der stille Baumreferent hat eine einzige Minipflanze in seinem leeren Zimmer. Die steht oben auf einem Schrank, ganz hinten. Er hält mir einen träumerischen Vortrag über die Wälder in Österreich. „Bei dem Kastanienbaum handelt es sich nur um einen Pflegeschnitt“, sagt die Frau von der MA 42 am Telefon. Der riesige Holzhaufen vor der Türe lässt aber Schlimmeres vermuten. Die Burschenschaft hat ihre Tore wieder fest verschlossen, die drei Rumänen sind aber noch drin. „Der Eigentümer hat die Rechte und Datenschutz hat er auch“, erklärt die Hausverwalterin vom Nachbarhaus am Telefon. Die Nachbarn dürfen also nicht einmal wissen, warum ihre schöne Aussicht nach Jahrzehnten plötzlich vernichtet wurde. Wenn der Baum vierzig Jahre lang nahe bei der Mauer stand und das nun plötzlich jemanden stört, wieso kann man nicht die Mauer verändern? Wenn der Baum durch den Hitze-Sommer vertrocknet wäre, wieso sahen seine Blätter dann noch völlig normal aus? Man kriegt keine Auskunft. „Wir pflanzen eh einen jungen Baum“, erklärt mir der österreichische Chef der Baumschneide-Firma, als er endlich auftaucht. Bis der neue Baum aber so hoch ist, das ich den sehe, bin ich wahrscheinlich selber schon abgetragen. Warum hat es eine Burschenschaft, die an der Straße neben der österreichischen eine altdeutsche Fahne gehißt hat, nötig, rumänische Baumschneider zu beauftragen? Sollten die nicht gegen Ausländer sein?

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