Die junge palästinensische Mutter ist gestern wirklich abgeschoben worden. In ein Land, das zwar zur Europäischen Union gehört, aber trotzdem nur Aufnahmeplätze für 660 Flüchtlinge hat: Kroatien.

Gestern um elf Uhr am Vormittag war es soweit: Die junge Frau wurde mit ihrem Baby und ihrem Mann, einem syrischen Palästinenser, von der österreichischen Fremdenpolizei in den Flieger gesetzt und in Richtung Kroatien abgeschoben. Obwohl noch die zuständige Kommission der Volksanwaltschaft in der Früh bei ihr war. Niemand weiß aber, was das Ergebnis der Untersuchung war, denn der Kinderpsychiater Ernst Berger, der diese Kommission leitet, darf keine Auskunft geben. Es wird ein Bericht geschrieben und an den Volksanwalt geschickt werden. Der Volksanwalt entscheidet dann, ob der Bericht an die Öffentlichkeit kommt. Gleichzeitig machte sich die österreichische Familie, bei der die kleine Flüchtlings-Familie im letzten Jahr lebte, mit dem Zug auf nach Zagreb, um dort ihre Freunde zu unterstützen. Es suchen schon einige Leute eine günstige Privatwohnung in Zagreb, da es nach dem ganzen Streß sicher besser ist, wenn die Frau und das Baby sich erholen können. Viele Flüchtlinge haben nicht diese starke Unterstützung, aber die auf dem Lande über die Pfarrgemeinde vermittelten Flüchtlinge, die in österreichischen Familien lebten, schon.

Das falsche Selbst

Warum sich der Schock bei der Flüchtlingsfrau so auswirkte, dass sie Lähmungen in den Beinen bekam, kann ich euch ohne längeres Interview mit der Frau nicht erklären. Meine Vermutung, nach vielen Interviews mit Flüchtlingen aus der Nazizeit bzw. heutigen Flüchtlingen ab dem Jahre 2000, ist, dass sie in einer anderen Situation, die mit Tod zu tun hatte, nicht weglaufen konnte und wie gelähmt war. In der Trauma Therapie nennt man diese Reaktion „Freeze“ (dann gibt es noch „Fight“ and „Flight“). Warum sie dann aber schallplattenmäßig auf „I am not alive“ festhing, kann bedeuten, dass sie sich wie eine lebendige Tote fühlte, jemand, der nicht leben darf - nach der Psychoanalytikerin Alice Miller, jemand, der „sein wahres Selbst“ nicht leben darf. Dann übernimmt „das falsche Selbst“ die Herrschaft und tötet im Notfall „das wahre Selbst“ – als letzte Selbstschutzmaßnahme sozusagen. Oder dass die Frau einen Mord beobachtet hatte und sich wie ein Kind einredete, der sei nicht wahr. Also „I am not alive“, im Sinne von, ich träume nur, eigentlich bin ich tot und ich fühle gar nichts. Und diese alte Situation und ihre Gefühle überkamen sie wieder in diesem Moment des Verlusts ihres Zuhauses.

Meine Erfahrung als Journalistin zeigt auch, dass oft eine Ambivalenz dahinter steckt, wenn jemand in einem Verhalten feststeckt, also widerstreitende Gefühle. Einmal interviewte ich zum Beispiel einen jungen Afrikaner auf der Psychiatrie in Steyr, dessen Vater vor seinen Augen ermordet worden war. Das Interview war etwas gruselig, weil er mich durch seine Finger hindurch beobachtete. Bis ich drauf kam, dass er die Ermordung seines Vaters durch einen Zaun hindurch sehen musste. Einen Schutzzaun sozusagen, der ihn selber als Bub vor den Verfolgern und dem Tod rettete. Als ich das ansprach, nahm er seine Hände hinunter. Das Problem war, dass er seinen Vater eigentlich nicht mochte, der hatte ihn geschlagen und war selbstherrlich und selbstgerecht. Der Junge kam dann bei irgendwelchen religiösen Leuten unter, die viel netter zu ihm waren. Diese Ambivalenz, die Trauer um den Vater, aber auch die Kritik an ihm, äußerten sich bei ihm in vulkanartigen Wutanfällen.

Wo sind die anderen?

Warum es gefährlich ist, nach Kroatien abgeschoben zu werden, auch wenn es ein schönes Urlaubsland für Österreicher ist, ist eine reine Rechenaufgabe. In den einzigen Flüchtlingslagern in ganz Kroatien leben 600 Flüchtlinge und in einem kleinen sechzig. Es sind aber mindestens Tausend bis Tausende Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich nach Dublin 3 in ihr erstes EU-Einreiseland zurückgeschickt worden. Die Frage ist, wo sind die anderen abgeblieben? Niemand kontrolliert, wohin diese Flüchtlinge dann weitergeschickt werden. Ein irakischer Junge zum Beispiel, der aus Strasshof abgeschoben wurde, aus einer Familie heraus, sitzt seit Juli im „Hotel Porin“, dem Flüchtlingslager, und fürchtet sich vor der direkten Rückschiebung in den Irak. Er war dabei, als IS-Killer seinen Vater, einen LKW-Unternehmer mit riesigen Lastwägen, töteten. Der Vater wollte die LKWs nicht herausgeben.

Kroatien hat nur eine äußerst geringe Anerkennungsquote und die Frage ist, was beschließt die kroatische Regierung für diese Flüchtlinge, deren Asylansuchen sie ebenfalls ablehnen? Wohin werden die geschickt? Ich vertraue nicht auf Außenminister Kurz, denn ich weiß, dass bis vor zwanzig Jahren in Kroatien Krieg war, viele Täter frei herumlaufen und Kriegsflüchtlinge, die zwar Geld bringen, aber irgendwann arme Teufel sind, nicht unbedingt beliebt sind. Opfer sind nie beliebt.

Und ich vermute einmal, dass viele von euch eigentlich Hilflosigkeit und Ohnmacht ablehnen, die sie mit Schwäche assoziieren - und eigentlich gar nicht die Flüchtlinge selbst. Denn viele kennen gar keine und haben noch nie mit einem geredet. Und dass so viele Poster im Internet Flüchtlinge sterben lassen wollen, hat, befürchte ich, damit zu tun, dass viele Menschen oder deren Vorfahren schon todesähnliche Situationen erleben mussten. Diese Erfahrungen wollen sie jetzt nach außen, in andere Menschen hinein, verlagern. Das mag für einen kurzen Moment Erleichterung bringen, aber auf Dauer hilft das nichts. So eine intensive Selbst-Blockade kann nur gelöst werden, in dem man bewußt herauskriegt, was los war.

6
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
4 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Julian Tumasewitsch Baranyan

Julian Tumasewitsch Baranyan bewertete diesen Eintrag 02.11.2016 13:41:14

3,14159

3,14159 bewertete diesen Eintrag 02.11.2016 09:12:16

tantejo

tantejo bewertete diesen Eintrag 02.11.2016 00:24:52

pirandello

pirandello bewertete diesen Eintrag 01.11.2016 21:06:49

Maria Lodjn

Maria Lodjn bewertete diesen Eintrag 01.11.2016 21:03:24

robby

robby bewertete diesen Eintrag 01.11.2016 12:01:27

85 Kommentare

Mehr von Kerstin Kellermann