Mitten in Österreich werden Flüchtlinge aus dem Zug geholt. Wer für Flüchtlinge eintritt, wird gleich mit verdächtigt.

Im Nachtzug aus Italien zurück nach Wien zerlegen zwei zivile Polizisten einen Flüchtling aus Somalia, der starr vor Angst ist. Der dürre Mann versteckt sich wie ein Kind unter einer Decke und schaut nur mit einem Auge hervor. „Dies ist eine Amtshandlung“, sagt der eine Polizist und schiebt die Abteil-Türe den neugierigen Zuschauern vor der Nase zu. Dahinter ist verzweifeltes „No! No!“-Schreien und Rumpeln zu hören. Ich stelle mich im Trainingsanzug, mit Zahnbürste in der Hand, nur in der Nähe des Abteils ans Zugfenster, schon kommt einer der Polizisten auf mich zu und fragt „Kennen Sie den Mann?“ „Nein“. „Sind Sie seine Freundin?" „Nein. Wieso wird der hier mitten in Österreich beamtshandelt“, frage ich den Amtsträger, derauch für mich nicht als Polizist zu erkennen ist. „Hier ist doch gar keine Grenze". „Die Grenze ist mittlerweile überall!", antwortet er. Ich rufe über Handy einen afrikanischen Tageszeitungs-Journalisten in Wien an und schildere ihm die Lage. Der Polizist, auch nicht faul, ruft seinen Vorgesetzten an: „Da ist eine Frau, die wohl mit dem Verhafteten bekannt ist. Was sollen wir mit der machen?" Ich gehe lieber weiter - endlich Zähne putzen.

Kein Kontakt erwünscht

In dem Zugabteil hängt der Staub in der Luft und es stinkt. Keine Ahnung, wie die den Flüchtling untersucht haben. Der eine zivile Kieberer hat Plastikhandschuhe getragen. Anschließend traut sich der italienische Schaffner dem „be-amtshandelten“ Flüchtling, der völlig verdattert da sitzt, einen Kaffee zu bringen. In Leoben wird der magere Flüchtling aus dem Zug geschafft. Flüchtlinge aus Somalia werden übrigens im Asylverfahren anerkannt. Bloss dieser hier wird eventuell zu gar keinem Asylverfahren kommen? Schließlich soll der Kontakt zwischen einheimischer Bevölkerung und Flüchtlingen möglichst unterbunden werden.

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