Im Bundespräsidenten-Wahlkampf tauchten alte Gespenster auf wie Vorwürfe gegen Van der Bellen, gleichzeitig „Kommunist“ und „Nachfahre von Nazis“ zu sein. Eine schöne Zwickmühle der FPÖ. Schwebende Kriegs-Gespenster aus der Vergangenheit: Wie kann man die bekämpfen?

Bei der FPÖ-Wahlkampfleiterin Ursula Stenzel sieht man genau, welche Gespenster sie verfolgen, nämlich solche aus der Nazi-Zeit. Anders ist es nicht zu erklären, wenn sie im Fernsehen in der Sendung „Im Zentrum“ berichtete, dass aus dem Kaunertal Nazis nach Südamerika verschwinden konnten, und gleichzeitig Van der Bellens Eltern unterstellt, ebensolche Nazis gewesen zu sein. Man sieht hier deutlich, wie alles vermischt und umgedreht wird. Van der Bellens Eltern wird vorgeworfen, Nazis gewesen zu sein,, gleichzeitig wird er selber als „Altkommunist“, sogar als „Stalinist“ (Stenzel) beschimpft – obwohl seine Eltern genau vor diesen Kommunisten flohen und er noch ein Kind war. Eine schöne Zwickmühle - aus den Versatzstücken „Nazi“ oder „Kommunist“ aufgebaut.

Im Gegenzug unterstelle ich nun einmal theoretisch Ursula Stenzel ein ambivalentes Verhältnis zu ihren eigenen katholisch-jüdischen Eltern und deren Leben im Nationalsozialismus - ich vermute gemischte Gefühle, die nicht aufgelöst sind, denn das sie so eine heftige Unterstellung nur aus boshaft-politischen Gründen macht, glaube ich nicht.

Ein Ergebnis dieses Verhältnisses zur NS-Zeit ist es, dass Stenzel nach der Lektüre eines Buches über das Kaunertal nun Nazis vermutet, wo, wie der betroffene Sohn selbst meinte, keine sind (Das Argument, die können sich nicht verteidigen, war aber schwach, denn viele Nazi-Eltern oder Großeltern sind schließlich auch schon tot). Die realen, zum Teil unkritischen Nachfahren von Nazis, die in der Nachfolgepartei des „Vereins der Unabhängigen“ politisch aktiv sind, direkt vor ihren Augen nimmt Stenzel aber nicht wahr. Alte Nazi-Gespenster können einem leicht den Blick vernebeln.

Grüner faschistischer Diktator

Eine andere Umdrehung bzw. Zwickmühle erfolgte durch Norbert Hofer persönlich: Er warnte vor „einem grünen faschistischen Diktator“, während Van der Bellen doch in einer antifaschistischen Partei arbeitete, in der zwar nicht so viele Widerstandskämpfer gegen die Nazis wie bei den Kommunisten ihre politische Heimat fanden, aber einige schon auch. Also ist dieser Vorwurf in sich ein Widerspruch. Viele wollen aber nun genau dem Bundespräsidentschafts-Kandidaten Hofer glauben und im Internet gab es mehrere Poster, die schrieben, die „Linken“, „die Demokraten“ wären „die wahren Faschisten“ von heute. Von der „Maske des Faschismus“ schrieb einer, was bedeutet, dass er sehr wohl wahrnimmt, dass es noch immer Faschismus gibt und das der hinter einer Maske versteckt wird. Aber dieser Poster unterstellte dieses Phänomen in einem Umkehrschluß, der die unkritischen Nachfahren von Nazis entlastet, Menschen aus einer deklariert antifaschistischen Partei.

Alte Kriegsgespenster

Die Bloggerin „Zeit im Blick“ beschrieb ihre Angst, dass wir „mit den Kriegsflüchtlingen den Krieg importieren“ würden. Diese Angst ist zum großen Teil unberechtigt: Denn der Krieg ist schon da, er war nie weg. Der Krieg sitzt in den Köpfen der Menschen, die alle Kinder und Enkel der Menschen sind, die den Zweiten und den Ersten Weltkrieg erleben mussten. Alle diese alten und über die Generationen übertragenen Ängste drängen nun mit den vielen Flüchtlingen an das Tageslicht. Aber statt das man sich diese alten Ängste genauer anschaut, hängt man die Bürde und den „Krieg an sich“ den Flüchtlingen um, die gar nicht mitkriegen, was ihnen alles an Gespenstern entgegen schwebt. Herr Hofer erscheint mir undurchsichtig und die FPÖ als noch immer jene Partei, die in ihren „Herzen und Hirnen“ die Themen „Krieg“ und „Faschismus“ nicht klar haben. Wie schon Jörg Haider missbrauchen einige FPÖ-ler das unbewußte Vorhandensein dieser Themen und verharmlosen den wahren Nationalsozialismus (industrielle Vernichtung von Juden und Slawen) mit seltsamen Vergleichen. Kickl beugte im Fernsehen schon vor und unterstellte Van der Bellen vorsorglich „die Unwahrheit zu sagen“. Jeder Satz ein Giftpfeil. („Manche Menschen fühlen sich nur in der Boshaftigkeit lebendig“, Arno Gruen.)

Altes Flüchtlingskind

Grundsätzlich finde ich es gut und notwendig, wenn man die „Masken des Faschismus“ bearbeitet und die Masken fallen. Aber nicht, indem man diese Masken und Gespenster einfach einem anderen Menschen umhängt, sei er nun ein syrischer Flüchtling oder das alte „Flüchtlingskind“ Van der Bellen. „Er gibt vor, ein Flüchtlingskind zu sein“, sagte Stenzel im Fernsehen und will somit Van der Bellen nicht einmal diesen Teil seiner Identität lassen. Ich wüßte sehr gerne, was Hofers Eltern und Großeltern (sein Opa war ein amerikanischer Lederfabrikant?) ganz real im Zweiten bzw. Ersten Weltkrieg getan haben und wie er dieses Verhalten heute beurteilt. Aber offen, ehrlich und ohne Maske. In allen Ambivalenzen und gemischten Gefühlen. Und zwar vor nächstem Sonntag.

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