In der alten Seefahrerstadt Genua findet man Hellebarden und Kanonenkugeln im „Museum der Kulturen der Welt“ und Geschichten über Ruderersklaven im maritimen Museum. Quicklebendige schwarze Menschen verkaufen sich und ihre Waren auf der Straße, um als die Enkel der Sklaven zu überleben.

„Wenn du Flüchtlinge sehen willst, mußt du nach Brescia, Bergamo oder Lampedusa fahren. Dort sind viele Flüchtlinge ohne Papiere eingesperrt. Die Carabinieri sammeln die ein, genauso wie ab und zu die Handtaschenverkäufer.“ Souleymane Gweye ist auf Urlaub in Genua, er hat es geschafft. Elf Jahre Italien und er ist noch da. Stolz und selbstbewußt beschreibt er seine Arbeit im Schiffsbau, er malt vierstöckige Schiffe an. „Schau, die zwei Schiffe stammen aus unserer Werkstatt“, zeigt er. Souleymanes schüchterner Freund hingegen, ein Autoverkäufer, sucht dringend Arbeit. Er kam mit zweimonatigem Touristenvisum aus dem Senegal und blieb als klassischer „overstayer“ hängen. „Ich mache keine Dummheiten, also holen mich die Carabinieri nicht“, meint er. Am Abend stehen im Dunkeln junge Afrikanerinnen in einer Reihe, geschminkt und in enge Kleidung gequetscht, unter den Arkaden der Via di Sottoripa in den engen Gassen. „Was willst du?“, sagt Souleymane auf mein Kopfschütteln hin und deutet mit einer Geste einen Bissen an, den er mit den Fingern in den Mund steckt. „Das ist Arbeit. Die haben zu essen. Es gibt nichts gratis auf der Welt. Zwanzig Euro pro Person und bis zu fünf Personen pro Abend.“ Die Mädchen schauen aus wie 15 oder 16 Jahre alt. „Die Männer mögen keine alten Frauen. Das ist einfach so“, kommentiert der schwarze Schiffsmaler nüchtern. „Italienische Männer lieben die jungen Mädchen.“

Illegalisierte Pflegerinnen

„Genua ist völlig überaltet. Dementsprechend leben sehr viele illegale Pflegerinnen für unsere Alten in Genua, der Bedarf ist da. Ab 1995 wanderten fast nur Frauen aus Lateinamerika ein, vor allem aus Ecuador“, erzählt der Forscher Andrea Torre vom „Centro Studi Medi, Migrazioni nel Mediterraneo“. Der italienischen Regierung sei aber klar, dass Illegalisierte in Italien arbeiten, also legalisierte sie jedes Jahr eine bestimmte Anzahl dieser Menschen. „Der Hauptpunkt ist, dass die Illegalisierung bestimmter Arbeitsformen nicht auch noch kriminalisiert wird“, schaut der Forscher verschmitzt über seine Brille. Seitdem die Dublin-Spielregeln gelten, können die afrikanischen Einwanderer nicht einfach in andere Länder weiter reisen. Früher war Italien bloß Transitland für andere Destinationen, nun müssen die Menschen im Land bleiben. „Nur wenige kommen mit den Booten über Lampedusa, die könnten leicht integriert werden. Aber die meisten Afrikaner verwenden ab Spanien den LKW oder bleiben einfach nach dem Ende ihres Touristenvisums din Italien. In Wirklichkeit haben wir andere Probleme: Man wartet zwei Jahre auf die Staatsbürgerschaft und die Behörden antworten einem zum Teil nicht einmal.“

Keine Wahl haben

„Gibt es in Österreich Fabriken?“, fragt die junge Nigerianerin, die das Frühstücksbuffett in der Pension beaufsichtigt. Sie würde gerne in einer Fabrik arbeiten, denn da verdient man nicht schlecht und die Strukturen sind klar. Leider wäre aber die einzige Jobmöglichkeit für Nigerianerinnen die Prostitution, „Sie haben keine Wahl, aber 17, 18 Jahre alt sollten sie schon sein, denke ich“. Die fröhliche, selbstbewußte Frau selbst kam alleine nach Italien - vor sechs Jahren und sechs Monaten, seit einem Jahr ist sie verheiratet und besitzt Dokumente. „We suffer! Es gibt aber eine Organisation, die hilft. Sie reden mit den jungen Frauen auf der Straße, verteilen Kondome und holen die da raus. Ohne diese Organisation wären die Straßen von Genua voll von den Leichen dieser Mädchen. Zweihundert wären sicher tot!“ Die Hilfsorganisation „Associazione Onlus/ On The Road“ unterstützt von San Benedetto del Tronto aus die Prostituierten.

Kulturelles Waffenmuseum

Ein Haufen Kanonenkugeln in der Sonne oder sind das diese Kugeln, die gefangene Ruderer auf den Galeeren an den Füßen tragen mußten? Drinnen im Stiegenhaus Sträuße von spitzen Hellebarden an den Wänden. In der Burg des „Museums der Kulturen der Welt“ wird ohne erklärendes schriftliches Material unfreiwillig ziemlich offen gezeigt, wie der Seefahrer Kapitän Enrico Alberto d’Albertis und der Missionar Monsignor Federico Lunardi an ihre „Sammlungen“ von wunderschönen alten Kunst- und Gebrauchsgegenständen kamen. Eine Amphore in Kopfform stammt aus dem 15. bis 16. Jahrhundert vor Christi und von den „Chimu-Inca“. Ein Becher, der ein „Mythical being“ darstellt aus „125-225 A.D.“, bemaltes Terrakotta, „funerary set“. Anschaffung: Schmidt, Pizarro 1934. Hier scheint der berüchtigte Pizarro gemeint zu sein, der das Staatssystem der Inkas so zerschlug, wie Cortez Mexiko zerschlagen hatte. Aber wiederum: kein einziger Hinweis. Eine ehemalige Kulturvermittlerin, die Führungen für migrantische Communities gestaltete, erzählt, dass eine Gruppe afrikanischer Frauen vor dieser Ansammlung von Waffen und „gefundenen“ Gegenständen zu streiten begann: „Sie konnten das nicht verstehen.“ Aber wahrscheinlich verstanden die Frauen nur zu genau, dass es sich bei diesem „Kulturmuseum“ eigentlich um ein Waffenmuseum handelt.

Gekürzte Fassung. Erschien schon als Langfassung in der Presse/Spectrum bzw. auf M Media bei Simon Inou

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