Schattenboxer kämpfen ständig gegen irgendetwas. Manchmal verschwenden sie irrsinnig viel Energie für irgendwelche Scheinkämpfe gegen Gespenster.

Manchmal denke ich, es gibt drei grundlegend unterschiedliche Arten von Menschen: Es gibt Menschen, die immer in Sicherheit lebten, zum Beispiel vierzig Jahre am selben Fleck, in der Wohnung der Eltern, in der sie bereits ihre Kindheit verbracht haben. Und dann gibt es Menschen, die diese Sicherheit nie hatten, die erfahren haben und genau wissen, was Menschen anderen Menschen antun können. Ihr Urvertrauen in die Menschheit verloren haben oder trotzdem nicht. Keine Sicherheit hatten.

Und dann gibt es noch die Schattenboxer, die genau im tiefsten Inneren wissen, dass nicht alles so heil und heilig ist, wie ihre Umwelt tut und dieses oft intuitive Wissen von Gefahr ständig auslagern müssen – auf andere Menschen. Denn es kann und darf ja nicht sein, dass ihre Heimat, ihre Umwelt, ihre Familie auf so brüchigem Boden gebaut ist. Sie trauen ihren eigenen Gefühlen nicht und wollen lieber nicht in ihr Innerstes schauen. Deswegen müssen sie sich nonstop ablenken.

Keiner schreit für sie

Deswegen schlagen Schattenboxer ständig um sich – auf alle ihre ständig neuen Gespenster, stellen sich aber im Endeffekt auf die Seite von Tätern und vom Schweigen, weil sie ihr innerstes Wissen nicht bewusst anschauen und nicht preisgeben. Als ich damals aus Jugoslawien kam, konnte ich nicht glauben, dass in Österreich ganz normales Leben gelebt wird, während ein paar Stunden weiter Krieg herrscht und Grenzstationen brennen. Als eine Frau am Südbahnhof ohnmächtig wurde, weil sie ihren Täter aus dem Krieg erkannt hatte – mitten in Wien, war es immerhin in der Zeitung. Als viele ex-jugoslawische Frauen still und leise mit vierzig Jahren an Gebärmutterkrebs starben, weil sie ohne jemals über die schrecklichen Ereignisse zu reden sofort geschuftet hatten, bekam es fast niemand mit. Die in Sicherheit lebenden Menschen konnten oder wollten sich nicht einmal vorstellen, wie so ein Schicksal verläuft.

Die Schattenboxer mit ihrem ständigen Geschrei übertönen alles. Opfer gehen einsam zugrunde, keiner schreit für sie auf. Weint und klagt wegen ihrem Schicksal. Protestiert für sie. Im Gegenteil: Sie werden noch weiter niedergemacht von den Schattenboxern, die einfach keine Opfer sein wollen. Sich lieber auf die Seite der Mächtigen stellen, sich in scheinbarer Sicherheit wiegen.

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Theodor Rieh

Theodor Rieh bewertete diesen Eintrag 14.11.2021 12:33:32

Neguse Negest

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