Zu viel verdienen verdirbt den Charakter.

Gestern abend in der Straßenbahn: Ein junger Typ, der urlaut telefoniert. Kopfhörer in den Ohren versucht er einen gewissen Kevin davon zu überzeugen, sich wie ein Chef zu benehmen. „Du musst sie beinhart niedermachen. Sag ihr, du weißt, sie braucht mal wieder wen. Sag ihr, du weißt, sie hat niemanden. Einfach knallhart. Sie ist deine Angestellte, du bist der Chef.“ Der Typ hat glasige Augen, ein Cola in der Hand. Ein Kind im Kinderwagen fürchtet sich vor dem Gebrülle. Zwei ältere Leute lachen laut zu dem Klischee-Gequatsche eines jungen Hupfers. Es ist Freitag abend, 22 Uhr – und der führt sich arbeitstechnisch so auf? Mitten in der Straßenbahn? „Überfall' sie. Sag irgendetwas Schreckliches und dann tu’ so, als ob nichts wäre. Das wird der einfahren.“ Der Typ ist so drüber, dass er nicht einmal bemerkt, wie die anderen Menschen in seiner Umgebung auf ihn reagieren. Oder es ist ihm wurscht. „Die anderen sind alle Loser. Du bist keiner. So musst du denken." Kevin scheint noch immer nicht überzeugt zu sein. Beim Aussteigen sagt der überengagierte Mini-Chef ins Telefon, „du kannst mich immer anrufen, ich bin immer erreichbar, ich brauche nur zwei bis drei Stunden Schlaf". „Und in drei Jahren bist du auf der Psychiatrie“, sage ich zu ihm, weil er gerade neben mir aussteigt.

„Schon mal 10.000 Euro im Monat verdient, du Loser“, sagt er zu mir. Sicher nicht. Als ich ihm nachschaue, wie er in die Nacht entschwindet, hüpft er in die Höhe, streckt den rechten Arm und die Hand aus und macht einen seltsamen Gruß. Ich hoffe, ich habe mich getäuscht, was der bedeuten sollte.

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G. Szekatsch

G. Szekatsch bewertete diesen Eintrag 09.02.2020 10:22:42

Iris123

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rahab

rahab bewertete diesen Eintrag 08.02.2020 12:00:27

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