Für mich lebte Tjaz immerdar über den Wolken. Ein großartiges Film Porträt des slowenischen Dichters Florjan Lipus spielte gestern Nacht in der Sendung „Kulturmontag“.

Wie findet jemand, der aus einer bäuerlichen Familie von Analphabeten kommt, zur Schriftstellerei? Der erst mit neun Jahren mit dem Schulbesuch beginnen durfte, wie kann der so schön und poetisch schreiben? Der Vater, ein Knecht, der dann in der Wehrmacht war, erfand Spitznamen für seine Kühe, seine Kinder hingegen „berührte er nur mit der Rute am Hintern“. Die Mutter, eine Magd, hielt als Partisanen verkleidete Gestapo-Leute für echte Partisanen und wurde für ihre vermeintliche Unterstützung abgeholt. Sie starb im KZ Ravensbrück.

Herzlos und ohne Mitleid ließen die Gestapo-Männer die beiden Kinder und die todkranke Großmutter in der armseligen Keusche zurück. Als die Oma kurze Zeit später stirbt, bleiben der Sechsjährige und der Zweijährige ein paar Tage alleine neben der toten Frau, bis sie endlich entdeckt wuerden.

Bis heute hält sich Florjan Lipus nicht für einen Künstler/umetnik. Da muss er im Film sogar herzlich lachen über diese Unterstellung. Es ging ihm ums Überleben, „sich irgendwie durchschlagen zu einem selbstständigen Leben“.

Sein Buch „Der Zögling Tjaz“ mit seinen Sciencefiction ähnlichen Fantasien beeindruckte mich stark, als ich noch vor dem Krieg in Ljubljana lebte. Tjaz, der Glasscheiben auf Entfernung zerbrechen kann und sich mit ausgeworfenen Armen an Hochhäusern festhalten, ein zerbrechlicher und einsamer Superman. Muss einmal nachlesen, ob das Buch wirklich so ist, wie ich es in Erinnerung habe. Denn ich sah Tjaz jedesmal vor meinem inneren Auge, wenn ich oben am Nepoticnik, dem „Wolkenkratzer“ und ältestem Hochhaus von Ljubljana, den einzigen Eisbecher im Angebot – mit Erdbeeren - aß. Für mich lebte Tjaz immerdar über den Wolken. Später war dort eine Disko von „Darkerji“, schwarz gekleideten Gothik Fans. Die Disko oben am alten Wolkenkratzer musste aber geschlossen werden, weil sich zu viele Jugendliche in den Tod stürzten.

Ein filmisches Porträt eines großartigen Schrifstellers:

http://tvthek.orf.at/profile/Kulturmontag/1303

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