Ein bißchen Hackler-Meinung hier, ein bißchen Königs-Meinung da

So einfach ist es nicht mit der Meinungsfreiheit: Denn die würde voraussetzen, dass wirklich alle Menschen gleich sind, gleiche Chancen haben, sich gleich gut ausdrücken, und ihre Meinung in die Öffentlichkeit bringen können.

In einem slowenischen Buch wird die Revolution 1918 beschrieben. Die Bergarbeiter und Köhler rufen sich über Bergtäler hinweg Nachrichten zu. Im Dunkeln von Berg zu Berg gehen die Rufe. Die Revolution ist da, der Krieg ist vorbei. Sie strömen in die Städte. Dieses Buch, das ich nicht mehr finde, weil ich es jemand geborgt habe, war ungewöhnlich: Es berichtete von den Hacklern im Wald. Wie die sich freuen, dass der Krieg aus war und eine Zeit voller Gleichheit versprochen wurde.

In der Geschichte haben immer Könige ihre Meinung in der Öffentlichkeit vertreten, ihre Schlösser bergen bis heute Touristenströme, ihre Einrichtungsgegenstände kann man bewundern. Doch wo sind die Hackler hin, die zum Beispiel das Schloß Versailles bauten und dabei draufgingen? Das gemeine Volk konnte seine Meinung (vor der Erfindung der Kronenzeitung – Scherz) gewöhnlicherweise erst öffentlich vertreten, wenn eine Revolution anstand, und selbst in diesem Falle waren es oft Studenten oder gebildete Menschen, die es gewohnt waren, öffentlich aufzutreten, die für sich Redezeit und öffentliche Aufmerksamkeit beanspruchten. Der gemeine Hackler hackelt körperlich und schweigt. Öffentlich hat er keine Seele und keine Stimme.

Rumäne am Baum

Während ich am Schreibtisch sitze und meine tolle Meinung in die Tasten haue, tauschen am Gang slowakische Hackler die Fenster aus. Neulich schnitten Rumänen einen Baum in einem Nachbarhof um. Hatte eine Burschenschaft gestört, der schöne hohe Baum. Hoch oben im Baum sass der junge Rumäne, rief in seiner Sprache vor sich hin, denn er musste ständig in Kontakt mit seinen Kollegen sein. Der hatte wohl Angst. Unten am Bankerl sass der Österreicher in seiner Arbeitsjacke mit Firmenaufschrift träge herum. „Sie brauchen nicht mit dem Rumänen auf dem Baum reden, der kann kein Wort Deutsch“, sagte der angestellte Österreicher zu mir. „Nein, die gehören nicht zu unserer Firma.“ Tragen diese Hackler etwas zur öffentlichen Meinung bei? Kommen die irgendwo vor? Sicher nicht. Daher kann man nicht von Meinungsfreiheit reden, wenn österreichische Männer am Schreibtisch und in gut bezahlten Jobs oder abgesicherte Pensionisten ihre Meinungen veröffentlichen, den Internetraum für sich beanspruchen und sich auskotzen. Gegen die anderen hetzen, die die Dreckarbeit für sie machen, die sie ungeniert ausnutzen.

Gekaufte Kurz-Krone

Jetzt bemerkt man diese öffentlichen Zustände wieder besonders, weil Immobilienhändler und Anwälte Kommentare in Tageszeitungen veröffentlichen dürfen und ein Unternehmer, ein Sebastian Kurz Freund, sich in zwei Zeitungen einkaufen darf. Darf ein gemeiner Mieter seine Meinung über hohe Mieten schreiben? Sicher nicht. Was für finanzielle Interessen hat ein Unternehmer an öffentlicher Meinungsbeeinflussung? Der Sinn dieser Meinungsmache besteht nur darin, die Preise für körperliche Arbeit niedrig zu halten und die Gewinne durch Mietkosten noch einmal zu erhöhen. Mit Anspruch auf Wien, plakatiert die Neue Volkspartei. Arme Mieter. Ein Bundeskanzler Kurz-Freund kauft sich in ein drei Millionen Medium ein: Eine Unternehmerzeitung, die so tut, als ob sie dem gemeinen Volk aufs Maul schauen würde. Und das gemeine Volk tut so, als ob ihm hohe Mieten nichts ausmachen würden und die ausländischen Arbeiter ja bitteschön möglichst billig pfuschen sollen, wenn sie schon ins schöne Österreich einreisen dürfen. Dann schaut es durch die Fenster auf die fleißigen Hackler herab.

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