Ein Hoch auf die Frauen, die sich wehren

Zum Internationalen Frauen Kampftag am 8. März. Frauen heraus auf die Straße, wie es früher hieß.

Auf den Wiener Gerichtskorridoren traf ich sie manchmal, wenn ich Gerichtsreportagen schrieb. Unauffällige Frauen in Trainingsanzügen aus Südosteuropa, die jung und hübsch waren, die aber ruhig und unauffällig mit der Wand verschmolzen. Sie schienen wie gedämpft in den Farben, blass aber zuversichtlich. Das waren damals Heldinnen. Frauen, die sich entschieden hatten, gegen Frauenhändler und deren internationalen Banden auszusagen. Obwohl sie wussten, wie gefährdet sie selbst bzw. ihre Familien waren - die Kinder bei der Oma in der Heimat. Früher war es nämlich so, dass Frauen, die als gehandelte Frauen in der Zwangsprostitution (eingesperrt, Paß weggenommen) aufgefunden worden waren, sofort abgeschoben wurden. Noch vor dem Prozeß, bei dem die Täter dann oft freigesprochen wurden, weil niemand gegen sie aussagte. Dann setzte die Wiener Organisation LEFÖ durch, dass die Frauen ein Aufenthaltsrecht erhielten während des Prozesses. Meine Freundin Paula, eine Chilenin, redete mit den Frauen am Straßenstrich, die Samstags mit blonden Perücken arbeiten mussten. Manchmal begleitete ich sie. Paola und die anderen Frauen von LEFÖ fanden Frauenhandels-Opfer in kleinen Gasthäusern in der Steiermark oder sonstwo - abgemagert, fertig, kaputt. Sie holten die heraus. Die Polizei unterstützte sie. Ein Hoch auf diese Frauen, die sich befreien konnten, auf die, die sie unterstützten und auf meine Freundin Paula, die bei einem Flugzeugabsturz in Bolivien ums Leben kam.

Nicht zu leben aufgeben

Ein Hoch auf Natascha Kampusch, die als kleines Mädchen überlebte, indem sie sich selber unterstützte, nie die Hoffnung aufgab. Die ihr früheres Zuhause auf den Boden zeichnete, die spielte, sie wäre Zuhause, die sich kindlich ablenkte. Davon, dass ihr der Entführer die Luft zum Atmen nahm, ihren Lebensraum eng begrenzte. Die nicht zu leben aufgab, mit dieser einzigen schrecklichen Bezugsperson, die sie hatte. Die alleine davonlief nach so vielen Jahren der Gefangenschaft, die um ihre Schäden weiß und die von so viel anderen Missbrauchsopfern immer noch heruntergemacht und gedemütigt wird. Weil die sich sonst eingestehen müssten, dass auch sie gegen TäterInnen aufstehen müssten, endlich für sich selber einstehen. Und das ist natürlich sehr schwer.

Ein Hoch auf die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano, die in hohem Alter in eine komplett verrückte Band einstieg, mit einem Türken und einem Italiener – die „Microphone Mafia“. Ihr Sohn spielt Bass. Oder Gitarre? Die das KZ Auschwitz überlebte und irgendwo ein Kind blieb, die alte Dame, fixiert auf ihren Sohn. Jüdisch und türkisch in den Liedern - der Türke beschädigt von den NSU-Morden in seiner Straße, ständig in unruhiger Energie und flott. Was für ein Risiko!

Ein Hoch auf die lustige philosophische Hannah Arendt, auf die eigenständige Kärntner Malerin Maria Lassnig, der ich mehrmals nachlief und drei Interviews ergatterte, auf die Künstlerin Valie Export, die zum Thema Schmerz arbeitet, auf alle Schlagzeugerinnen und Kindergärtnerinnen, auf die Frauen, die pflegen müssen und die, die alleine sind mit ihren Kindern. An alle diese Frauen werde ich morgen denken, wenn sich die Frauen- und Mädchendemo vom Westbahnhof aus in Bewegung setzt, wenn alle auf der Straße hüpfen und tanzen, wenn die Samba-Trommeln dröhnen. Wenn uns die Straße, der öffentliche Raum gehört und diese die Stadt dominierenden und vergiftenden Autofahrer endlich einmal verbannt sind. Wenn uns von oben aus den Häusern heraus die Frauen zuwinken, Frauen mit Kopftuch oder ohne, und ihren Kindern die laute Demo zeigen. Ein Hoch auf uns!

https://www.youtube.com/watch?v=fNOccgt7ETE

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