Eine alte Religion beschützen oder dem Laufe der Zeit anpassen? Wer denkt sich schon, wenn er zu einer Diskussion zum Thema „Euro-Islam“ geht, dass etwas passieren wird?

Es ist jetzt schon lange her, aber ich habe die Bilder noch immer innerlich vor Augen. Ein Vortragssaal im Wiener Karl Renner Institut, damals noch weit draußen am Schöpfwerk. Ein schönes Gebäude. Hunderte Menschen, die zuhören. Ein junger Moderator.

Erst war ein Vertreter des Euro-Islam mit seiner Rede dran, ein schöner, berühmter Mann, elegant, im Anzug. Ich glaube, der war aus Frankfurt angereist und ein Universitätsprofessor. Er erläuterte ausführlich, warum sich moderne neue Fassungen des Islam entwickeln sollten, bzw. führte er aus, wie anpassungsfähig „der Islam“ an Deutschland wäre. Ein moderner, „kapitalistischer“ neuer Islam müsse und solle sich entwickeln, passend zu Europäischen Union. Die alte Religion hätte ausgedient. Punkt.

Alte Religion als Kultur

Höflicher, gemäßigter Beifall, dann leitete der junge Moderator auf den zweiten Vortragenden über. Dieser, ein älterer Herr mit Brille, ist eingesprungen, weil der ursprüngliche Redner ausfiel. Er arbeitet für die Atombehörde bei der UNO. Er beschreibt die Schönheit der alten Religion, die Kalligrafie, die Kunst, die Engel, die auf den Bildern auf die Erde herabfliegen. Er regt sich innerlich emotional auf, das merkt man. So eine alte Religion wäre doch eine Art Kulturgut und die könnte man doch nicht einfach umschreiben, um sie an die Geschwindigkeit heute anzupassen. Es dürfe sich doch nicht einfach jeder, dem es irgendwie einfällt, an dieser Religion vergreifen. Es gäbe komplett unterschiedliche Auslegungen, klar - aber diese zum Teil mörderischen Auslegungen würden dem alten Text doch nur drüber gestülpt.

Publikum im Schock

Auf jeden Fall hielt der Herr seinen Vortrag bis zum Schluss. Rief noch „diese alte Religion darf nicht sterben“ oder so etwas Ähnliches (ich erinnere mich nicht mehr genau), dann fiel sein Kopf plötzlich heftig nach vorne auf den Tisch und blieb da liegen. Der junge Moderator reagierte nicht, das Publikum war im Schock. Es dauerte lange, bis jemand nach einem Arzt rief. Der Arzt konnte nur den Tod feststellen. Das Herz des Mannes hatte versagt. Er hatte sich zu sehr aufgeregt.

Wir waren alle im Schock. Doch die meisten ZuhörerInnen gingen langsam nach Hause. Ich blieb einfach bei einer Säule stehen, irgendwie konnte ich nicht einfach weggehen. Später kam der Sohn und weinte, sie riefen die Frau des Mannes an. Er hatte gar nicht so alt ausgesehen, sehr distinguiert und gebildet. Ich weiß nicht einmal, ob er religiös war, aber er war sicher sehr verbunden mit seiner Religion als sozialer und kultureller Geschichte.

Im Vordergrund die Täter

Eine mir unbekannte Frau mit Kopftuch, die meine Erstarrung bemerkt hatte, nahm mich im Auto mit zu ihr nach Hause, zu ihren Kindern. (Ich hatte vorher nur in meinem Dorf den aufgebahrten Nazi-Opa meiner besten Freundin in der guten Stube in Kärnten gesehen. Der war im Auto gestorben, weil er sich so über die Kinder und Hühner aufgeregt hatte, die im Hof vor seiner Kühlhaube herumliefen. Seine Tochter musste den Motor des langsam im Kreis fahrenden Wagens abstellen.) Erst durch das fröhliche Geplauder der Kinder dieser Frau konnte ich wieder normal denken. Seitdem bin ich sehr vorsichtig und schaue genau, wie ein Mensch ist. Und zwar jeder und jede einzelne. Es gibt Mörder und Täter, die „den Islam“ ausnutzen. Die stehen öffentlich extrem im Vordergrund. Stille, höfliche, gebildete Menschen werden vergessen und nehmen sich die Diffamierungen ihrer Religion zu Herzen.

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