Die Idee zu einer angeblichen „jüdischen Weltverschwörung“ ging von einem Groschenroman aus. (Hochdeutsch: Schundroman.) Um dann in Folge als Tatsachenbericht aufzutauchen und von der Politik verwendet zu werden. Im Wiener Reichstag.

Es war angeblich im Jahre 1860. Es musste natürlich ein Friedhof sein, und zwar der jüdische Friedhof in Prag in dem Fall. Es musste natürlich „zu mitternächtlicher Stunde“ sein, als sich die Abgesandten der zwölf Stämme Israels mit einem dreizehnten, dem „Vertreter der Verstoßenen und Wandernden“ trafen. „Wenn alles Gold der Erde unser ist,“ so die Verschwörer um Mitternacht am Friedhof angeblich, „ist alle Macht unser. Das Gold ist das neue Jerusalem – es ist die Herrschaft der Welt.“ Beobachtet wurden sie dabei angeblich von einem Doktor Faust. Die Herrschaft der Welt! Mit Hilfe von Gold und Geld! Autor des Romans „Biarritz“, in dem diese Gruselgeschichte spielt, war einer der erfolgreichsten Trivialautoren seiner Zeit: Hermann Goedsche. Unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe. Erster Schritt also: eine Gruselgeschichte. Literatur.

Plötzlich Tatsachenbericht

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wurde dieses Friedhofs-Kapitel des Romans separat in Broschüren, auf Flugschriften und in Zeitungsartikeln veröffentlicht. Dabei wurde der literarische Ursprung des Textes noch nicht bestritten. „Die letzte Ausgabe von Goedsches ‚Enthüllungen’ erschienen 1942/43 unter dem Titel ‚Die Geheimnisse des Judenfriedhofs in Prag’ auf Deutsch und Tschechisch im besetzten Prag“, schreibt Michael Hagemeister in dem Buch „’Ostjuden’. Geschichte und Mythos“ (Hrsg. Barbara Staudinger, Philipp Mettauer, Studien Verlag 2015).

1881 aber erschien die Friedhofsszene aus Biarritz in der französischen rechtskatholischen Zeitschrift „Le Contemporaine“ in einer Serie über das „intime und geheime Leben der Juden“ und wurde plötzlich als Tatsachenbericht verkauft. Über einen polnischen Sozialisten und einen antisemitischen deutschen Publizisten übernahm 1892 Theodor Fritsch, der „Nestor des deutschen Antisemitismus“, die „Großrabbiner-Rede vom Juden-Kirchhof in Prag“ in die 16. Auflage seines „Antisemitismus-Kathechismus“ auf. Als echtes Erlebnis. Halten wir den zweiten Schritt fest: Literatur wird in einen angeblichen Tatsachenbericht verwandelt.

Schritt drei: Politik

Und dann eines schönen Tages im Wiener Reichsrat der Habsburger Monarchie: „Am 13. Mai 1901 verlas ein tschechischer Abgeordneter den gesamten Text im Rahmen einer Interpellation im Abgeordnetenhaus des Wiener Reichsrats, worauf er im stenographischen Sitzungsprotokoll erschien und danach in antisemitischen Blättern verbreitet werden konnte.“ Als Wahrheit! Aus dem Reichsrat! Die geheimen Beobachter hätten die Enthüllung des jüdischen Komplotts mit dem Leben bezahlt. Ermordet! Die Wahrheit! Grusel!

Die Politik verwendet also eine Trivial-Gruselgeschichte, um Politik zu machen. Und niemand kannte die Zusammenhänge und verteidigte „die Juden“. Die Weltverschwörungs-Geschichte wurde weiter verbreitet. Und weiter und weiter.

Fortsetzung folgt.

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