Meistens ist die österreichische Polizei sehr wohl in der Lage, mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen und deren Entwicklung von Riesenkräften umzugehen. Aber nicht immer. Zur Erinnerung an Seibane Wague.

Zumindest früher wurde von harmlosen 18-jährigen Zivildienern, die gerade die Schule verlassen hatten, verlangt, mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen umgehen zu können. Solche Zivildiener, die als Rettungsfahrer arbeiteten, mussten sehr wohl Menschen abholen, die von ihren Angehörigen wegen extremer Streßausübung auf die Psychiatrie zwangseingewiesen wurden. Manche dieser Patienten in spe wussten sehr genau, was ihnen drohte, verbarrikadierten sich und wollten nicht aus dem Haus herauskommen. Bis der Pfarrer sie mit Lügen überzeugte und schwupps – ab in die Rettung und abtransportiert. Was unerfahrene Zivildiener schaffen, müssten ausgebildete Polizisten doch locker können, oder?

Verkohlte Zelte

Bald zwanzig Jahre ist es her, dass es ein Afrikadorf im Wiener Stadtpark gab (nicht wie heute auf der Donauinsel). Es stand unter einem schlechten Stern. Jemand hatte Feuer gelegt und als ich Journalistin schauen ging, um eventuell darüber zu schreiben, sah ich verkohlte Zelte und Kleiderhaufen. Eine gespenstische Stille herrschte. Es stank nach Rauch. Ich schaute mir gerade ein Regal an, in dem lauter kleine Modelle von Lehmhütten standen. Als ein ruhiger, freundlicher Afrikaner mir erklärte, dass er den Workshop geleitet hatte, in dem Kinder aus Schilf und Lehm kleine Häuser und Figuren bauten. Mir gefielen die kleinen Schilfhütten so sehr, dass ich ihn bat, mir doch eine zu schenken. Er meinte, das geht nicht, denn die Kinder kämen noch, sich ihre Objekte abzuholen. Doch als ich wegging, lief er mir nach und meinte, es gäbe welche, deren Erzeuger sicher nicht mehr vorbei schauen würden. Also erhielt ich zwei kleine Hüttchen, die ich bis heute im Regal stehen habe.

Still und unauffällig

In meiner Erinnerung war es kurz nach dieser Begegnung, dass der Kärntner Leiter des Afrikadorfes die Polizei zu Hilfe rief, um den Angriff eines Mannes, der auf sein Auto schlug, zu stoppen. Eigentlich wollte er nur die Rettung rufen, sagte er später. Der Angreifer beruhigte sich angeblich kurz, wollte aber dann davonlaufen. Wenn ich mich richtig erinnere, waren es dann insgesamt fünf Polizisten, die Seibane Wague am Boden fixierten. Für eine lange Zeit. Zu lange. Der Notarzt stand daneben, auf einem heimlich gedrehten Video sah man, dass er nicht eingriff, rauchte und scherzte - später vor Gericht meinte der ältere Herr, er hätte sich vor den Polizisten gefürchtet. Seibane sagte nicht mehrmals „ich kriege keine Luft“, er starb ganz still und auffällig. Erdrückt. Erstickt. Bei Wikipedia steht nichts über den Anlass seines Ausbruchs, nämlich dass er dringend Geld brauchte und der weiße Leiter sich geweigert hatte, ihm sein ihm zustehendes Honorar zu geben.

Psychische Extrem-Notlagen

Als ich die Fotos des Toten in der Zeitung sah, erkannte ich erschrocken, dass es den Künstler getroffen hatte, der mir gerade noch die Kinder-Hütten geschenkt hatte. Seibane Wague hatte in Moskau Atomphysik studiert, bevor er eine Studienkollegin, eine Österreicherin, heiratete. Gewisse Zeitungen kamen dann sofort mit dem üblichen Vorwurf „Drogensucht“ daher. Bei Schizophrenie zum Beispiel, ist „etwas rauchen“ sicher sehr gefährlich und kann einen Ausbruch auslösen. In dem Fall kam es mir nach diesbezüglichen Interviews aber wie extreme Verzweiflung, das Gefühl der eigenen existenziellen Ohnmacht, Abhängigkeit und Hilflosigkeit vor, die Seibane Wague hatte dermaßen auszucken lassen. Eine psychische Extrem-Notlage: Ich habe selber schon ein Mädchen gesehen, die auf einem psychotischen Schub am Dorfausgang Lastwagenfahrern, die lachten, ihre Kleider entgegen warf und dann auf der Klagenfurter Psychiatrie mit Gurten an einen Tisch gefesselt und „niedergespritzt“ wurde, so dass sie in der Kampf- und Krampfstellung wie festgefroren aussah. Auf diesem Mädchen hatten vor ihrer Einlieferung aber keine fünf Polizisten gesessen. Sie überlebte ihren Anfall und wurde nie wieder rückfällig.

Kerstin Kellermann

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Don Quijote

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