Ein Kind kann doch nichts dafür, wer seine Eltern sind. Ein Nachruf auf den alten Werner, der einsam gestorben ist.

Kerstin Kellermann https://www.augustin.or.at/zeitung/tun-und-lassen/revolutionaerer-rabbi.html

Bei einem Ausflug mit einer Touristengruppe nach Triest fiel er mir auf. Mitten im Jüdischen Museum Triest bei der Führung des revolutionären Rabbis dort, saß er kopfschüttelnd schief auf einem Sessel. Einem Kreislauf Kollaps nahe, oder einer Herzattacke. Da es sehr heiß war, dachte ich mir nichts. Als er aber nach einer halben Stunde immer noch genauso auf dem Sessel hängte, sich niemand um ihn kümmerte, ging ich nun doch hin und fragte nach, was eigentlich mit dem meistens grantigen, ziemlich vorlauten Mann los sei. Es kam heraus, dass sein Vater ein Nazi gewesen war, der „den Juden die Sachen weg nahm“. Im Angesicht mit den ganzen gerettenten jüdischen Dingen im Museum, klappte er nun zusammen. Seltsam. Er hatte seinen Erzeuger nur ein einziges Mal gesehen, saß ihm mit drei Jahren ein einziges Mal am Schoß, und doch trotzdem fühlte er sich verantwortlich für das, was sein Vater getan hatte. Ein Anderer hätte das Wort „Vater“ gar nicht erwähnt in diesem Zusammenhang. Er warf sich selbst den Vater vor sozusagen.

Ungewöhnlich ruhig

Nach der Führung schlich er um mich herum und wir gingen ganz langsam zurück in Richtung Hafen. Er tat sich schwer mit Reden. Schließlich gingen wir auf einen Kaffee. Es stellte sich heraus, dass er nicht wußte, ob er einer Vergewaltigung entstammte – seine Mutter hatte so Andeutungen gemacht. Dann wieder zu anderen Zeiten, verherrlichte sie die Nazis. Er wusste nicht, was schlimmer war für einen kleinen Jungen: Einer Vergewaltigung zu entstammen oder von einer Mutter, die einen Nazi anhimmelte, großgezogen worden zu sein. Seine Mutter schien nie richtig mit ihrem Sohn geredet zu haben. Wahrscheinlich hatte sie selber ein ambivalentes Verhältnis zu dem Kinderzeuger. Werner zeigte alle klassischen Anzeichen eines traumatisierten Kindes: Unbegründete Wut-Anfälle, viel zu starke Emotionen für Alltags-Situationen, gnadenlose Runtermache von anderen oder Einsamkeit. Ich versuchte mit ihm zu reden, er schien ganz milde, da in dem italienischen Straßencafe mit Blick auf die Bäume der Allee. Ein Kind kann doch nichts dafür, wer seine Eltern sind.

Einsamer Tod

Ein anderer Mann aus unserer Wiener Reisegruppe war in England geboren. Seine jüdische Mutter hatte sich nach der Flucht in einen älteren Wiener Schauspieler verschaut. „Aus Heimweh, der wirkte so vertraut“, wie sie ihrem Sohn später erklärte. Dieser wuchs ebenfalls ohne Vater auf, trug dem Schauspieler aber scheinbar nicht nach, dass der sich nicht um ihn scherte. Ein ruhiger, freundlicher, schweigsamer Mensch, der seine Zuhause gebliebene Ehefrau vermisste.

Werner hingegen musste immer streiten, oder zumindest lautstark diskutieren. Er legte sich ins Zeug. Nun im Februar ist er in seinem Gartenhaus erfroren. Das finde ich schlimm. Ein Kind braucht Liebe, Offenheit und Zuwendung. Nicht jedes kriegt genug.

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