Es gibt ein österreichisches Patriarchat, Frau Staatssekretärin!

Nur zwei Prozent aller Vergewaltigungen in Österreich landen vor Gericht. Kein Wunder, dass die Frau Staatssekretärin ein verzerrtes Bild hat.

Der „Pater familias“ im alten Rom verfügte über das Recht auf Leben und Tod für seine Ehefrau und alle seine Kinder. Sogar bei den Dienstboten durfte der Patriarch bestimmen, ob die am Leben bleiben. Falls er eine Dienstbotin tötete, blieb er straffrei. Daher stammt der Begriff „Patriarchat“.

Mörderische Gelüste von Patriarchen ziehen sich durch bis heute. MEINE Frau, MEINE Kinder, MEIN Haus, MEIN Besitz, MEIN Auto etc.… Warum sich jemand als so toll, unwiderstehlich und im Rausche der Macht als so unverwundbar empfindet, dass er anderen nach dem Leben trachtet, ist mir schleierhaft. Mein kleines Selbst würde sich niemals anmaßen, jemand anderen das Lebenslicht auszulöschen. Aber ich bin ja eine Frau.

Die ehemalige Strafrichterin Edtstadler, die nun im Fernsehen die Existenz eines österreichisches Patriarchats abstritt, war bei Gericht berüchtigt für ihre scharfen Urteile. Kanzler Kurz suchte sie aus, um im Innenministerium das Strafausmaß für Vergewaltigung zu verschärfen. Sie sollte auch FPÖ-Innenminister Kickl im Auge behalten, eine beinahe unlösbare Aufgabe - die im Patriarchat natürlich nur einer Frau nahegelegt werden kann. Nun soll Edtstadler aktuell dem NVP-Spitzenkandidaten Othmar Karas bei der EU-Wahl im Nacken sitzen. Kanzler Kurz, die „Milchbubi“-Light-Version eines patriarchalen Kontrollfreaks, nimmt sich das alleinige Recht heraus, nach der EU-Wahl zu bestimmen, aus wem etwas wird. Frau oder Mann. Daumen hinauf oder herunter. Wird da jemand ausgenutzt?

Keine Anzeigen

Durchschnittlich einmal pro Woche wird in Österreich eine Frau, die sich trennen will oder bereits ausgezogen ist, ermordet. Juristin Edtstadler, die sich hauptsächlich vor Gericht mit angezeigten Vergewaltigern befaßte, hielt nun im Fernsehen eingeborene Österreicher, die Frauen morden, für „Copycat Killer“. Diese würden ausländische Täter nur nachahmen und im angeblich vorherrschenden „Ausländer-Killer-Klima“ Straftaten begehen. Juristin Edtstadler ist von ihrem Beruf beeinflusst und hat keine Übersicht, befürchte ich. Ich kenne zum Beispiel persönlich eine alte Frau, die als Kind von ihrem Vater missbraucht wurde, so dass sich ihre Seele in mehrere Figuren aufteilte. Hat sie jemals eine Anzeige gemacht? Sicher nicht. Ich kenne eine junge Künstlerin, die die eigene Mutter festhielt, damit der Vater sie missbrauchen konnte. Als sie nun als Erwachsene die Mindestsicherung verlor, reisten beide Eltern an, zahlten ihr die Miete und kauften ihr einen Fernseher. Ihr Aufenthalt in der Psychiatrie verlängerte sich um ein Jahr. Hat diese Künstlerin jemals angezeigt? Nein, sie war gerührt, dass sich ihre Eltern in der Krisensituation trotz allem um sie kümmerten. Ich kenne eine mittelalte Frau, die von einem steirischen Einbrecher vergewaltigt und mit dem Tode bedroht wurde. Hat sie angezeigt? Ja, denn sie kannte den Täter nicht. Der behauptete zwar, er würde sie lieben und hätte sie über Monate verfolgt, doch er war der Frau unbekannt. Die Polizei glaubte ihr nicht. Sie zeigte zwei Männer an, die dem Vergewaltiger ähnlich sahen. Bei der dritten Anzeige wäre sie auf der Psychiatrie gelandet, wegen falscher Beschuldigungen.

Verzerrtes Bild

Die Polizei fand den Täter nie. Folglich: kein Gericht. Folglich: keine Frau Edtstadler. Die Ex-Richterin Edtstadler ist jemand, die es gewöhnt ist, Männer hinter Schloss und Riegel zu bringen. Aber sie hat ein verzerrtes Bild. Frauen zeigen eher und leichter Täter an, die sie nicht kennen, denn in diesem Zusammenhang gibt es weniger ambivalente Gefühle, weniger Schuldvorwürfe an die Frau oder andere Probleme. Jede dritte Frau in Österreich wurde bereits Opfer von sexueller Gewalt als Kind oder als Erwachsene. Im Vergleich dazu: Nur magere zwei Prozent der Täter landen vor Gericht, schrieb Marion Breiter 1995 in einer Studie. 2009 zeigte sich in einer EU-Studie von Kelly/Seith, dass in Österreich im Durchschnitt nur jede zehnte Vergewaltigung vor Gericht gebracht wird.

Jeder oder jede, der oder die allein auf die Anzeigen und Verurteilungen fokussiert, leugnet die innerfamiliäre Gewalt und damit mögliche Prävention. Was das Innenministerium ja in einer Aussendung an die Polizeidienststellen forderte. Das Gefährliche an dieser Politik ist es, dass sich bei den Opfern innerfamiliärer Gewalt die Abspaltungen mehren. Wenn das offizielle Klima propagiert, dass Vergewaltigungen und Morde nur von Ausländern verübt würden, schrumpft die Selbstwahrnehmung des eigenen Leides gegen Null. Das ist gefährlich.

http://frauenberatung.at/index.php/sexuelle-gewalt/fakten-zahlen

https://derstandard.at/2000096748287/Staatssekretaerin-Edtstadler-bei-Im-Zentrum-Es-gibt-kein-Patriarchat

https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20180925_OTS0226/ooenachrichten-leitartikel-kickl-missbraucht-die-polizei-von-wolfgang-braun

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