Rote Glitzer-Ballroben im Fernsehen, Burschenschafter-Hauberl und Polizisten-Demo: Der Internationale Holocaust Gedenktag in Österreich. Und die Hauptfrage in den Medien: Randale oder nicht?

Heute ist Internationaler Holocaust-Gedenktag und wer dominiert die Medien? FPÖ-Oberkappelhaupt Strache, wie er mit strenger Miene und spitzen Lippen gegen Antisemitismus redet. Mit sonorem Unterton.

Als Fernsehzuschauer konnte man beobachten, wie er den Juden anstarrt, der bei dem Gedenktag im Parlament gesungen hat. Ganz schön gesungen. Traurig und ernst zugleich, der Sprechgesang. In sich vertieft. Strache stand erste Reihe genau vor dem orthodoxen Vorsänger und starrte durch seine Brille - steif und erstarrt in der Körperhaltung. Sicher das erste Konzert dieser Art für seine „inneren Kinder“. Irgendwas hat ihn sichtlich berührt. „Pardong“ (Zitat Strache Pressestunde)!

Unterdrückte Trauer

„Sollen wir mit diesen Leuten unsere Familien betrauern?“, fragte ein erzürnter und trauriger Herr Muzicant der Ältere im Fernsehen eine Moderatorin, deren Opa ins KZ Dachau verschleppt wurde. Muzicant weinte fast: „Meine Familie wurde in eine Scheune gesperrt und die Scheune wurde angezündet.“ Eine rhetorische Frage also. David Lasar, selber seit langer Zeit FPÖ-ler, konnte nicht mehr reden, als er auf die „siebte Million“ im Germania-Liederbuch angesprochen wurde. „Auf der Seite meines Vaters wurden auch Kinder ermordet“, sagte er noch und schwieg. Tränen standen ihm in den Augen. Minutenlang konnte er nichts mehr sagen. Die Kamera immer fleißig drauf. Was der bei der FPÖ findet, ist ein Rätsel – eine Art von Trauma-Anziehung und kontinuierlicher Bearbeitung?

Das Leben lieben

Und was machen meine quicklebendigen Holocaust-Überlebenden gerade? Der eine lud mich zur Geburtstagsfeier des anderen ein, der keine Ahnung hatte, dass ich eingeladen bin. Eine Stunde irrte ich durch das finstere Grinzig, bis ich den Heurigen fand. Zufällig habe ich ein Geschenk vom Wiener Kaffeesieder Ball dabei. Eine Musik CD mit Wiener Liedern: „Schön ist die Welt, wenn ein Schimmer von Glück sie erhellt.“ Neben mir sitzt ein jüdischer Kommunist, der erzählt, dass ihn sein Vater rausschmiß, weil er ihm zu links war. 85 ist der und liebt das Leben und seine Lebensgefährtin. Mein Bekannter, der in Mädchenkleidern versteckt war und den Nonnen Frösche in das Bett legte (sie konnten ihn schlecht hinausschmeißen), erzählt von seiner Zeit als Kellner in New York. Ein Anderer in der Runde kritisiert meinen Augustin Artikel in Grund und Boden, wegen des Wortes „imaginieren“, das er noch nie gehört hat. Eine Runde Almdudler für alle.

Laut schreien müssen

Der Holocaust ist nicht vorbei, man kann keinen „Schlußstrich“ ziehen, ihr Strache-Fans da draußen, die ihr eure Opas oder Väter nicht mögt und nicht zu deren Taten stehen wollt. Logischerweise. Solange es Vierjährige gibt, die Krankheiten der Oma „erben“, die in Auschwitz geboren wurde, und deren Mutter immer wieder von „frei flottierenden Ängsten“ überwältigt wird, kann man nicht so tun, als ob die Vernichtung vorbei sei. Man muss zu den Kindern stehen, die in der dritten Generation von den Folgen der Shoah betroffen sind.

Aber auch ein bissl zu den Kindern, die von Nazis großgezogen wurden und in denen ein „innerer Teil“ realisiert, dass sie betrogen wurden. Dass irgendetwas nicht stimmte, faul war „im Staate Dänemark“. Im KZ-Loiblpaß, einer Außenstelle von Mauthausen, lebten zum Beispiel Kinder bei den SS-lern. Ein KZ-Häftling schnitzte denen Spielzeug, eine Wiege ist erhalten. Es gibt Fotos. Was wurde wohl aus diesen Kindern? Ob die auch so laut schreien müssen am Holocaust-Gedenktag? Lauter krähen als die Nachfahren der Shoah-Ermordeten, denen der Trauerkloß im Hals stecken bleibt?

Vertrauensaufbau?

Walter Rosenkranz im Fernsehen: „Disziplin im Kindergarten!“ Und: „Die israelitische Kultusgemeinde muss zu uns kommen – es geht um Vertrauensaufbau!“

Ermordete Rosenkranz aus Wien: Adolf, Alter Jankel, Bertha, Bruno, Chaim, Chaje, Chana, Charlotte, Dina, Dora, Feige, Franz, Helene, Ingeborg, Jonas, Josef, Leon Leizer, Leopold, Malke, Marcel, Moritz, Olga, Osias, Osias, Pesie, Pessie, Ralph, Regine, Renee, Siegfried, Silvia, Sulamith, Zelda, Zita.

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