Österreich steigt in das Semifinale der Frauenfußball-EM auf, erstaunlicherweise sogar ohne dass ein weiblicher Alaba dabei wäre.

Ein Gasthaus gegenüber einem Donaubad: Ein älterer Herr mit Glatze telefoniert laut mit einem Bekannten: „Ja, es steht noch Null zu Null. Gegen Spanien, stell’ dir vor! Ja, wir sind gut, auch wenn keine Negerinnen dabei sind (lacht laut)!“ Erstaunlich, erstaunlich in seinen Augen: Die Österreicherinnen spielen wirklich gut, sie stehen fest da und geben keine Sekunde auf, den Spanierinnen Widerstand zu leisten. Und es gibt keinen Star wie David Alaba bei den Herren, der sowieso bei den letzten Spielen etwas traurig aus der Wäsche schaute. Rotes Österreich T-Shirt, Rindfleisch mit Nudeln in Saft, Gelsennetze vor den Fenstern. Am Anfang sind wir nur zu drei Zuschauerinnen plus ein Ehegatte beim Spiel des österreichischen Damenteams in einem Städtchen auf der Vorortelinie bei Wien. Doch dann kommen immer mehr Leute. Ein kleiner deutscher Junge: „Das sind ja gar keine Jungen!“ Allgemeines Gelächter. Gemeine Bemerkungen, welche Fußballerin „die Schirchste“ wäre. Heftig. Am Ende schaut sogar der Chef des Gasthauses, seine Frau schon länger – über die Bar drüber. Es ist wirklich so neu für die Leute, dass Österreich Erfolg hat in internationalen Spielen, das sie es noch gar nicht richtig schnallen. Erinnert an den Kommentar zu Österreichs Sieg beim Eurovision Song Contest, als Conchita gewann: „Gewinnt die uns den Schaß a no!!“

Extrem viel Herz

Die Jahrzehnte „in der Dunkelheit“ haben sich ausgezahlt. Beinahe unbeobachtet von der Öffentlichkeit hat der österreichische Frauenfußball eine Stärke und einen Zusammenhalt entwickelt, den fast nichts mehr umhaut. „Sie spielen mit Herz“, sagte der Trainer, der an Mister Bean erinnert und einen britischen Flair von Understandment verbreitet (österreichisch: Tiefstappler): „Extrem viel Herz. Sie zeigen ihre mentale Stärke.“ Die Spannung war beinahe unerträglich, wie die Fußballerinnen es weiter und weiter schafften, besonnen und unerbittlich den Spanierinnen die Stirn zu zeigen, die nicht zum Schuß kamen. Frustrierte Stürmerinnen. Es zahlte sich aus, trotz Tränen und Verletzung.

„Wir haben Slowakinnen, Ungarinnen und Bulgarinnen in der Bundesliga“, sagte Olga Hutterova, Cotrainerin des österreichischen Fußball-Frauennationalteams 2002 im Interview mit der Bunten (Zeitung)*. „Die ersten Ausländerinnen tauchten im Frauenfußball überhaupt erst vor zehn Jahren auf, dazu gehöre auch ich.“ Es sei wichtig, dass auch ausländische Spielerinnen kämen, weil die Erfahrung mitbrächten. „Aus finanziellen Gründen spielen bei den Frauenteams überwiegend Spielerinnen aus den ehemaligen Ostblockstaaten. Wir haben sicher keine Französin oder Deutsche.“ Sehr wichtig wäre es, eine Mädchenliga zu haben, betonte Hutterova damals, und in den Schulen verstärkt Mädchen-Fußball einzuführen. „Es geht langsam, aber sicher voran“, schloß die Trainerin von USC Landhaus. Wer nun die Erfolge bejubelt, muss die ganze Zeit der Mühe mitbedenken, die vielen jungen Frauen, die ihren Traum vom Fussaball trotz aller Widerstände nicht aufgaben.

Am Donnerstag steht das österreichische Frauenfußball-Team im Semifinale gegen Dänemark.

Epilog

Der erste Schwarze, den ich in meinem Leben sah, war ein Fußballspieler vor dem Bahnhof in Klagenfurt. Alle Kinder liefen ihm hinterher, eine Schar, ein Schwarm. Er lachte nur und hielt die Händchen der Kinder fest, die mit ihm Hand in Hand gehen wollten. Das war in den 70-er Jahren. Viel später half ich über die Organisation „Fairplay-Fußball gegen Rassismus“ vier Fußballern aus Ghana, die nach einem Match im Lande geblieben waren, aus der Schubhaft in Postojna herauszukommen. Sie spielten dann zur großen Freude aller in örtlichen slowenischen Vereinen und wurden zu Stars.

* Interview Maria Kohen, K. K.

YouTube Kanal Max Schmiedl https://www.youtube.com/watch?v=ICIP3AJ3ddg

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