Gefühle der Leere und Verlassenheit

Bildern aus Flüchtlingslagern entströmt eine gewisse Leere, sie führen in einen „zentralen Strudel“. Dagegen hilft eine „Arbeit der Würde“.

„Der Krieg ist keine Sache der Gefühle. Er ist eine Sache der Abwesenheit von Gefühlen. Ebendiese Leere ist das Kriegsgefühl“, schreibt Georges Didi-Hubermann in seinem Buch „Remontagen der erlittenen Zeit“. Ich weiß noch genau, wann mich dieses Gefühl der Leere in meiner eigentlich journalistischen Arbeit mit Flüchtlingen das erste Mal überkam: Das war, als eine wunderschöne junge Frau aus dem Kongo neben meinem Schreibtisch stand, in der Redaktion unserer Flüchtlingszeitung, und geduldig wartete, ob ich einen Schlafplatz auftreiben würde. Ich wusste genau, wenn ich nichts für sie finde, wird sie die Nacht wieder bei irgendeinem österreichischen Mann verbringen müssen - der „Lohn“ für seinen Schlafplatz einforderte oder auch nicht. Um unsere Flüchtlings-Zeitungen am Westbahnhof zu verkaufen, zog sie einen langärmeligen, schwarzen Pullover und weite Jeans an. Trotzdem schwirrten die österreichischen Männer „wie die Geier“ um sie herum. Wir mussten zu der Zeit drei männliche Zeitungsverkäufer abstellen, um sie zu beschützen.

Frau Bock weinte damals, als sie ein Treffen organisierte, um jungen afrikanischen Frauen zu helfen und die Babys sah, die die Frauen mitbrachten. Damals wusste ich wenigstens noch nicht, woher viele dieser Kleinkinder stammen, dass die in den Jahren der Flucht unterwegs durch Gewalt, Zwang oder Erpressung entstanden waren.* Nur einmal im Krankenhaus sah ich eine junge Afrikanerin, die ihr Baby ablehnte, und zwei seltsame, aufgedonnerte Damen, die das Neugeborene schaukelten. Ich hörte damals auf, für meine eigene Zeitung zu arbeiten, denn das Gefühl einer elementaren Verlassenheit übertrug sich.

Das Sehfeld öffnen

Bilder aus Flüchtlingslagern führen in einen „zentralen Strudel“, schreibt Didi-Huberman. Der Strudel beschreibe „diese ständige Dialektik zwischen einer erlittenen Erniedrigung und einer Arbeit der Würde, die in jedem einzelnen Detail auf jeden einzelnen Moment der Erniedrigung antwortet“. Der Blick des Erniedrigten auf den Erniedrigten würde „das Sehfeld öffnen“. Er bezieht sich auf den Fotografen Agusti Centelles, der 1939 in den Flüchtlingslagern an der spanischen Grenze nach Frankreich, die Gesten des Entlausens dokumentierte, den Durchfall, das nackte Leben – immer durch den Stacheldraht hindurch fotografiert. Centelles, der selbst vor Franco geflohen und von den Franzosen in ein Lager gesteckt worden war, entschloss sich, „trotz allem zu schauen“.

Es ist die „Arbeit der Erniedrigung“ selbst, die durch die politischen Stellungnahmen hindurch tönt, wenn Österreich für Flüchtlinge „unattraktiv“ gemacht werden soll. Centelles meinte hingegen schon damals: „Man muss mit allen Mitteln darum kämpfen, seinesgleichen wiederherzustellen, da jeder einzelne der Verbundenheit mit der Gemeinschaft des anderen würdig ist.“ Als Gegenmittel gegen die erzeugte Armseligkeit empfahl Centelles den Flüchtlingen selbst „Formen zu produzieren und zu beherrschen, ein Repertorium überlebender, widerständiger Formen“ zu erzeugen. Während die Flüchtlinge in Bram Schachfiguren schnitzten und viel lasen, brachten nicht wenige Österreicher ihre privaten Zelte nach Traiskirchen. Und auch wenn diese nicht so viel gegen Regen oder Hitze ausrichten konnten, so halfen sie doch gegen das Gefühl der Leere und Erniedrigung.

*Emmanuel Mbolela: Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil, mandelbaum verlag 2014

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