Wie Pythagoras die Voraussage der Sonnenfinsternis vom persischen Hof klaute, wie „Kulturen“ auf der Zufälligkeit des Moments beruhen und warum viel Afrikaner mehrsprachig sind.

(Weil viele von euch gerne über „den Islam“ schreiben, habe ich ein altes Interview für euch in die Maschine geklopft. Etwas viele „Fremdwörter“, aber ich hoffe, ihr seht euch raus.)

„Wer die Freiheit wirklich verteidigen will, sollte eine Lanze für die Vielfalt innerhalb des Islams brechen, anstatt durch Zuspitzung alle Zwischentöne zum Verstummen zu bringen“, schrieb der Schriftsteller Ilija Trojanow zum Thema „Karikaturenstreit“. „Welchen Wert soll es haben, jemanden zu beleidigen, den viele Gläubige wie ihre eigene Mutter lieben, und dann darauf zu beharren, man habe jedes Recht dazu? Das ist kindisch, und endet schon auf dem Schulhof mit einer Keilerei. Und es ist politisch wie auch intellektuell idiotisch, weil es in die Hände der Fanatiker spielt, die sich über nichts mehr freuen, als über den Beweis, dass der Westen den Islam verachtet.“ Trojanow gewann für sein Buch „Der Menschensammler“ den Literaturpreis für Belletristik in Leipzig. Ein Interview mit Ilija Trojanow.

Sind Sie als Kindheits-Bulgare, der seine Jugend in Kenia verbrachte und lange in Bombay und Kapstadt lebte, dem allgemein Menschlichen hinterher, dem „Transkulturellen“?

Was wir jetzt als unsere westliche Tradition bezeichnen, gerade jetzt im sogenannten „Kampf der Zivilisationen“, ist nicht so klar westlich, wenn man genau hinguckt. Da gibt es islamische, persische, jüdische Einflüsse. Sogar die Antike, die wir als westeuropäisch für uns vereinnahmen, war nicht wirklich westeuropäisch. Diese Vereinnahmung ist extrem dubios. Viele der großen Städte der Antike, in der bedeutende Philosophen gelebt haben, befanden sich in der Türkei, und die damals dominante Kultur war die persische. Persien war ein Riesenreich und hat die heutige Türkei überwiegend dominiert. Ein kleines Beispiel: Pythagoras ist berühmt geworden, weil er die Sonnenfinsternis voraussagte – das ist ein mathematisches Verfahren, das vorher bereits am persischen Hof existierte.

Dieser Bereich, den wir Vorderasien nennen, war damals extrem transkulturell. Das heißt, wenn man wirklich ein historisches Verständnis hat, ist es lachhaft, sich momentanen Unterschieden zu sehr verpflichtet zu fühlen. Was momentan ein Unterschied ist, zwischen Kulturen oder Regionen, beruht auf der Zufälligkeit des Moments. Hundert Jahre früher oder später ist es wieder ganz anders. Was mich am meisten interessiert, ist das, was ich als Konfluenz bezeichne. Ich glaube, dass das Klassische oder das Homogene eigentlich die Folge einer Hybridität, die wir vergessen haben. Oder die uns vergessen gemacht wurde. Eigentlich speist sich für mich jede kulturelle Kreativität und Dynamik aus dem Hybriden. Sonst gäbe es eigentlich keinen kulturellen Fortschritt.

In den Diskussionen zum Thema Hybridität wird oft kritisiert, dass sich nur gewisse Leute mit dementsprechenden finanziellen Mitteln das Reisen und das Leben in verschiedenen Kontinenten leisten und die Welt sehen können...

Das ist ein völliger Blödsinn, denn es ist so, dass gerade in armen Gesellschaften sehr viel Hybridität vorherrscht. Der „normale“ Afrikaner ist mehrsprachig. Ein Kenianer spricht z. B. neben seiner Muttersprache Gikuyu auch noch Kisuaheli, Englisch und ein paar Brocken Kamba. Weil es in armen Gesellschaften einen starken Austausch gibt, über Elemente wie Märkte oder Pilgerreisen, sind die Menschen gezwungen mehrsprachig und dadurch multikulturell zu funktioniern. Indien wäre auch ein gutes Beispiel. Gerade die einfachen Menschen sind überhaupt nicht monokulturell. Es ist eine Fiktion des Nationalstaates, dass es eine homogene Identität gibt. Die hat es nie gegeben. Es gab immer eine fragmentarisierte Identität, die sich aus einer Vielzahl von lokalen, persönlichen, familiären, regionalen, kastenbezogenen, schichtbezogenen Einflüssen speist.

Der Nationalstaat musste natürlich die Fiktion einer gemeinsamen Identität konstruieren, weil für den Nationalstaat die Menschen Untertanen oder Bürger sind, und diese Bürger müssen natürlich einer bestimmten Fahne Treue schwören, bei einer bestimmten Hymne aufstehen, inbrünstig mitsingen – während die Identität der Menschen, selbst in einem Land wie Deutschland, viel komplexer ist. Hybridität ist eine Grunderfahrung in jeder Gesellschaft, seitdem die Menschen intensiv Handel betreiben und verschiedene Gruppen miteinander existieren müssen.

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Jake Ehrhardt

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robby

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