Zur Erinnerung an Maria N.. Warum man schlimme Ereignisse auflösen muss. Um fröhlicher zu leben und friedlicher zu sterben.

„Sind Sie katholisch? Sie schauen gar nicht katholisch aus“, tönt es zum Empfang. Im Bett eine alte Frau, Skelett-Körper mit großem Kopf daran. „Wenn Sie katholisch sind, schmeiße ich Sie gleich wieder raus“. Fröhliches Gegrinse. „Also katholisch auszusehen, hat mir noch niemand vorgeworfen“, antworte ich. Später bringt mich die 87-jährige dazu, sie auf einem Schreibtischstuhl zum WC in ihrer Einzimmer-Wohnung mit Küche zu rollen. Ein Ausflug, den sie seit Jahren nicht mehr gemacht hat, wie ich später erfahre.

Maria N. stammt aus Zakopane in Polen und erzählt mir, wie laut die Felsen im Fluß gerumpelt hätten, die mit der Schneeschmelze aus den Bergen gespült wurden. Sie glaubt mir nicht, dass es die Donauinsel gibt („So ein Blödsinn! Wer sollte bitte eine Insel mitten in einen Fluß bauen?!“) und erzählt, wie sie als Kind die Prostituierte Josefine Mutzenbacher in ihrer Droschke vorbeifahren sah. Sie muss schon sehr lange das Bett hüten. Sie kommt nie hinaus. Einmal gibt sie mir eine Ohrfeige, als ich ihre schön warmen Windeln wechseln muss. Als ich mich beschwere, meint sie: „Das stimmt nicht. So etwas würde ich niemals tun. Das haben Sie sich eingebildet!“ Anscheinend tut es ihr leid.

Auf dem Küchentisch

Manchmal hängt die alte Dame auf einem Satz fest, wie eine hängengebliebene Schallplatte. „Auf dem Küchentisch!“, wiederholt sie immer wieder kopfschüttelnd. Das kann über Stunden und Tage so gehen. Da wir im Altenpflege-Vorbereitungskurs „Validieren“ gelernt haben, sprich, die alten Menschen in dem zu bestätigen und unterstützen, was ihnen auf der Seele brennt, frage ich nach. „Was war denn auf dem Küchentisch?“ „Auf dem Küchentisch! In der Mittagspause!“ Kopfschütteln. Langsam, langsam kommt heraus, dass ihr Vater, ein Bankdirektor, jeden Mittag in seiner Mittagspause nach Hause kam, und die Mutter auf dem Küchentisch „nahm“. Eheliche „Pflichten“. „Sie wollte das nicht. Sie wusste schließlich, das ich auch da bin.“ „Was? Wieso, wo waren Sie?“ „Unter dem Küchentisch natürlich.“ Als ich mich aufrege, dass ich das auch nicht Okay finde, noch dazu mit einem Kind unter dem Tisch, und dass das schon eine Art von Macht- oder Gewaltausübung wäre, hört die Schallplatte auf. Als hätte es sie nie gegeben.

Maria N. erhält von der Tochter einen Fernseher vor ihr Bett gestellt und jeden Nachmittag ein Gläschen Rotwein kredenzt, von dem sie kreisrunde Flecken auf dem Gesicht bekommt und hektisch herumfuchtelt. Sie genießt ihr karges Leben.

Explodierte Schiffsbau-Werkstatt

„Einmal habe ich es geschafft“, hängt die nächste Schallplatte. „Was haben Sie geschafft?“ „Einmal war ich schneller als er.“ Große Genugtuung. Es stellt sich heraus, dass ihr lieber Ehegatte sich beim Wiener Heurigen oft dermaßen besoff, dass sie schauen musste, wie sie ihn wieder nach Hause beförderte. Nur einmal war sie schneller als er und ihr Mann konnte selber sehen, wie er seine besoffene Frau in die Stadt zurück expeditierte. Wettbewerb im Saufen. Zufrieden freut sie sich noch heute, dass er ein einziges Mal der Gelackmeierte war.

In der Woche darauf hängt wieder etwas Schlimmes fest: „Wäre er doch nicht zurückgegangen...“ Tagelang ist nichts zu hören außer dieser Satz. Die alte Dame scheint tief in Gedanken und Erinnerungen versunken. Sie schaut traurig aus. Dann endlich reagiert sie auf Fragen. Ihr Mann war ein Schiffsbauer an der Donau. Er ging zurück in die Werkstatt, um sich einen Pullover zu holen, weil ihm kalt war. Genau in diesem Moment explodierte die Schiffsbau-Werkstatt, anscheinend wegen irgendwelcher Dämpfe und Lacke. Weg war ihr Mann, verschwunden für immer, von einem Tag auf den anderen. Sie vermißte ihn. Zum Handhalten war sie absolut nicht der Typ, aber es half anscheinend, dass jemand neben ihr saß und nachfühlte.

In ihrem Stamm-Kaffeehaus kennt man sie noch heute, und die Kellnerin erinnert sich an die fröhliche alte Dame mit Hut. Eine heiße Schokolade ohne Schlag und einen Winterstrudel mit Schlag auf Maria N., die von Zakopane träumte und doch eine echte Wienerin war.

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G. Szekatsch

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