Jetzt, in diesem Moment, sitzt eine junge Frau mit Baby in Schubhaft. Morgen früh soll sie nach Kroatien abgeschoben werden. Warum darf diese Frau nicht einfach weiter in Österreich leben? Weil wir Präsidenten-Wahlen haben und nun alles ganz streng sein muss?

In diesem Moment sitzt eine junge palästinensische Frau mit Baby in Schubhaft in Wien Simmering. Montagvormittag soll sie nach Kroatien verschoben werden. Sie sitzt bereits in der geschlossenen Schubhaft, der Vorbereitung für die Deportation. Als ihrer Familie vorgestern der Abschiebe-Bescheid zugestellt wurde, erlitt die 22-jährige einen Zusammenbruch. Sie konnte ihre Beine nicht mehr bewegen und stammelte nur noch wirres Zeug, erzählt mir eine Frau am Telefon, die dabei war. Sie flüsterte nur noch „I am not alive“ in einem fort. Die Psychiatrie in Tulln nahm die Flüchtlingsfrau trotz Zuweisung durch den Hausarzt nicht auf. Man untersuchte die Frau allein vier Stunden, ob es einen körperlichen Grund für die Lähmung der Beine gibt. Dann wurde „das kleine Häufchen Elend“ im Rollstuhl den privaten Helfern zurück übergeben, die nun ganz alleine mit der Verantwortung klarkommen mussten, damit, dass die Frau Suizid gefährdet ist, sie mussten die ganze Nacht auf sie aufpassen. Um halb sieben Uhr in der Früh kam die Polizei und transportierte sie ab. Nerven hin, Lähmungen her. Das Baby auch.

Schadenfrohe Täter-Kinder

Ich kenne diese Frau nur von Fotos, aber ich weiß, dass es eine österreichische Familie gibt, bei der sie schon des längeren lebte und dass ihr Mann sich als palästinensischen Syrer bezeichnet. Warum darf diese Frau nicht einfach weiter in Österreich leben? Weil wir, wie ich eingangs meinte, Präsidenten-Wahlen haben und nun alles ganz streng sein muss, in vorauseilendem Gehorsam, weil irgendwelche schadenfrohen FPÖ-ler nicht vergrämt werden sollen? Täter-Kinder, die sich mit ihren „NS-Kriegshelden“-Vätern bzw. Opas und deren damaliger Macht identifizieren, wird man nicht überzeugen können.

Menschen, die schon als Kinder ihre eigene Hilflosigkeit und Schwäche dadurch bekämpften, dass sie sie in sich unterdrückten und damit einen Teil von sich selbst ablehnten, ebenfalls nicht. Diese Kinder mussten einen Teil von sich töten, den sie nun mit dem Tod anderer Menschen symbolisch rächen wollen.

Ich finde es schlimm, wenn Flüchtlinge, die bereits gut integriert waren und sich von den Folgen der Gewalt erholen konnten, nun wieder neu getriggert werden. Alte Opfer-Gefühle werden erneut ausgelöst und zwar ganz bewußt durch Politiker, die über diese Umstände Bescheid wissen. Außenminister Kurz, der nie eine Miene verzieht, egal, wovon er spricht, als ob sein Gesicht in einer Art Schneewittchen-Schönheit eingefroren wäre. Innenminister Sobotka, der voll kindlicher Freude Journalisten anlächelt, wenn er anderen Menschen Schaden zufügen kann, Macht über Leben und potentiellen Tod besitzt. Bundeskanzler Kern, der sich plötzlich von der Kurz’schen Flüchtlingspolitik überzeugen ließ und der Verteidigungsminister Doskozil, der immer größere Summen für das Militär erhält – sie alle sind verantwortlich, wenn dieser Frau und ihrem Baby etwas passiert.

Schadensbegrenzung

Meine Tante war ein Flüchtlingskind im Zweiten Weltkrieg. Sie war erst eineinhalb und ganz alleine. Als später ihre eigene Tochter eineinhalb Jahre alt war und meine Tante mit Mitte zwanzig wieder in einer schrecklichen Situation steckte, die sie extrem hilflos und ohnmächtig machte, wurde sie von ihren alten Panik-Gefühlen übermannt und brachte sich um. Ich will nicht, dass so etwas wieder passiert. Ich habe als Journalistin schon genug Flüchtlingskinder und Flüchtlinge gesehen, die Selbstverletzungen machten, weil sie den mörderischen Haß der anderen auf sich selbst übertrugen.

Diese junge palästinensische Frau kann nichts dafür, dass in unserm Land sehr viele Menschen leben, die die Taten und Schäden ihrer Vorfahren nicht klar haben, bewußt besprechen und sich von diesen Schäden abgrenzen.

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