Die Feierlichkeiten zum “Anschluß” Österreichs 1938 lassen den kämpferischen Geist vermissen, der damals nicht wenige in den Widerstand trieb. Droht statt dessen noch immer die Verharmlosung der österreichischen Täter?

Schwer ist es über den „Anschluß“ Österreichs zu schreiben, man müsste so viel erwähnen. Die illegalen Nazis, vor allem in Kärnten, die schon Jahre zuvor den „Anschluß“ herbeisehnten. Engelbert Dollfus, der mit seinem Austrofaschismus schon vorher „aufräumte“, der widerständige Menschen in „Schutzhaft“ nahm, was es den Nazis dann leichter machte, die Macht zu übernehmen. Die Täter und Mörder, die später von vielen politisch gedeckt wurden. Wer Adolf Hitler als „den größten Bluthund“ bezeichnet (wie gestern auf fisch und fleisch als ein Tagesthema), macht es sich leicht - macht alle anderen Täter klein - weist alle österreichische Schuld, alle österreichischen Täter und Mittäter von sich. Wir kennen diese Tradition der Reduktion auf einen „Führer“.

Schon die Popgruppe „Blondie“ hieß so, weil der jüdische Geliebte von Debbie Harry seine blonde „Schickse“ scherzhaft nach Adolfs Schäferhund benannte. Eine ganze Generation von Kindern von Holocaust Überlebenden und Geflüchteten arbeiteten sich in der Musik an den schrecklichen Ereignissen und an den anstrengenden Eltern ab. So entstand Punk in den USA. Wie auch die Ramones in „Today your love, tomorrow the world – I’m a Nazi, Schatze”, eine ironische Umkehrung der Opfer- und Täter-Rollen. Der größte Teil der Familie von Tommy Erdelyi, dem Gründer der Ramones, wurde im Holocaust ermordet. Der New Yorker Autor Steven Lee Beeber schreibt von der „Endlösung der Endlösung“: „Die Nazi-Symbolik im Punk ist respektlos gegenüber den Nazis. Sie ist die Verkörperung jüdischer Rache, die in der Tradition der Komödie steht.“

Kaputte Kriegskinder

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sechzig Millionen Angehörige des vorigen deutschen „Dritten Reiches“ auf der Flucht. Man sagt oft „Vertriebene“ zu denen, was äußerst ungenau ist. Man müsste sich diese Personengruppe viel genauer anschauen. Denn in den „Displaced Persons“-Lagern landeten nicht nur Juden, die aus den KZs zurückkamen, sondern auch vertriebene Deutschsprachige, verlorene Kinder, Menschen, die vor dem Krieg hin und her geflüchtet waren - alle möglichen Betroffenen. Fast jeder Deutsche hat Vorfahren, die geflüchtet sind, die meisten, die noch leben, waren Kriegskinder.

Mit dieser Vergangenheit wollen aber weder die alten Kriegskinder noch deren Nachfahren lieber nichts zu tun haben. Sie müssten sich nämlich dazu mit ihren traumatischen Erfahrungen auseinandersetzen. Mühsam, anstrengend und schwierig. Wie praktisch, dass Angela Merkel nun eine neue „Verarbeitungsmethode“ eröffnete: Flüchtlinge sind die Anderen, nicht unsere eigenen Vorfahren. Sicher wurden die alten Kriegskinder stark getriggert durch die Fernseh-Bilder und auch durch die Menschen, die an ihren Einfamilienhäusern vorbeiliefen. Wie früher: zu Fuß unterwegs, auf der Flucht vor Angst und Schrecken. Alte Bilder, alte Gefühle – starke unterdrückte Gefühle. Die abgeleitet werden müssen.

Sechzig Millionen Menschen und deren Kinder und Kindeskinder. Wo sind sie abgeblieben? Wie erleben sie die heutigen Flüchtlinge? Sicher müssen sie die ablehnen, schon aus Selbstschutz heraus. Wenn aber nun die Enkel kommen und ihren Anspruch auf alte Ideologien anmelden, sollte man die einmal erinnern, dass sie ganz bestimmt alte Flüchtlinge in ihrer eigenen Familie haben und hatten. (Wenn nicht sogar Täter, das sollte man aber wissen als Enkel – schon aus gesundheitlichen Gründen.) Sonst könnte man die Ablehnung der heutigen Flüchtlinge auch als Ablehnung der eigenen geflüchteten Vorfahren und deren Schwierigkeiten im Umgang mit ihren eigenen Kindern und Enkeln interpretieren.

https://www.youtube.com/watch?v=z6Xae9jsqxU

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