Trauma wird in Bildern dargestellt - durch eine Leerstelle, einen Schatten, einen Schemen. Trauma-Bilder zeigen oft schwarze Figuren. Demonstrierende Vermummte, Burka-Trägerinnen oder manche Darstellungen von AfroamerikanerInnen erinnern daher an Trauma-Ängste.

Das durch Gewalt und Tod dem einzelnen Menschen zugefügte Trauma bedeutet etwas anderes als die Traumata, die eine ganze Gesellschaft durch Gewalt und Tod erleiden musste. Trotzdem lassen sich Vergleiche in der bildnerischen Herangehensweise aufzeigen.

Der Ort, an dem das Trauma („a man made disaster“) und seine Schmerzen angesiedelt sind, zeigt eine Leerstelle, die mit inneren und äußeren Bildern umkreist wird. Bewusst oder unbewusst, denn diese Leerstelle ist mit Worten schwer zu füllen (manchmal durch Sprachbilder). Geschichtliche Traumata ganzer Generationen wie durch die NS-Zeit oder den Kolonialismus erzeugen ein großes Vakuum. Dieses plötzliche kollektive Implodieren des Wissens von Geschichte erzeugt in Folge neue, u.a. rassistische Bilder und zwar nicht nur bei den TäterInnen.

Gesichtslose Nachbilder

Wie sehen zum Beispiel visuelle Repräsentationen zum Thema Sklaverei aus? Die afrobritische Künstlerin Lubaina Himid dazu: „I was trying to find a way to talk of a thing that is not there, sort of Inside the Invisible if you like.“ Kunstwerke seien demnach keine Illustration, sondern sozusagen Symptome von Ereignissen und deren Verdrängung. „Demnach kompensieren Bilder die Unerträglichkeit historischer Ereignisse, die sie aber latent in sich tragen, gerade indem sie sie zu verdrängen suchen“, schrieb Viktoria Schmidt-Linsenhoff in dem Buch „Weiße Blicke. Geschlechtermythen des Kolonialismus“. Sie meinte, dass diese Leerstellen in der Geschichte und in den Bildern gerne und oft mit Metaphern des Weiblichen verbunden werden. Schwarzen, gesichtslosen Figuren, Schatten… Sie spricht von Nachbildern.

Auf der Biennale von Dakar zum Beispiel versuchten KünstlerInnen immer wieder in unzähligen Bildern die „Monster“ der Geschichte der Sklaverei aus der Dunkelheit ans Licht zu holen.

Trauma-Konflikte und Kompromisse

Diese Leer-Stellen in Bildern - schwarze Silhouetten, Schatten, Schemen – symbolisieren „das Böse“ als Figur, als Person, das „personifizierte Böse“ schlechthin. Das eben nach Freud z. B. von der Person abgekoppelt wird, die eigenen schlechten Gefühle werden abgespalten, bleiben aber trotzdem im Menschen verhaftet und sind oft Angstauslöser. Diese „schwarzen Figuren“ zeigen einen phantomähnlichen Charakter wie Gespenster, als ob „das Böse“ nicht von Menschenhand produziert und ausgeführt worden wäre.

Die gefühlte Unsicherheit wird behandelt, als ob sie von außen käme und am liebsten auf eine Person projiziert und an ihr festgemacht. Ein üblicher Mechanismus im Rassismus, der aber viel tiefer als nur an die Oberfläche der Person reicht - bis in die eigene Bilderzeugung hinein. Gleichzeitig kann auf diese Weise die emotionale Aufregung und Aufgeregtheit, die ein Trauma produziert, leicht und „im Rahmen“ immer wieder ausgelöst werden. Es kommt zu einem Konflikt, der darin besteht, die spannenden Gefühle immer wieder erneut auszulösen und dem Wunsch nach Unterdrückung der Invasion von furchteinflößenden Auslösern!

Kunst und Bilder können diesen Konflikt kompensieren, diese sich widersprechenden, streitenden Tendenzen im Menschen: „Der Konflikt scheint vorüber zu sein, doch nach Freud, ist das nur ein Kompromiss“, schreibt Schmidt-Linsenhoff. Kunst sei also eine Performance dieses Kompromisses.

Vermummte auf Demonstrationen, der „schwarze Block“, Burka-Trägerinnen – der Blick fällt ins Leere und erinnert an alte Gespenster. Dieser unbewusste Mechanismus sollte wirklich nicht auf AfroamerikanerInnen übertragen werden.

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rahab

rahab bewertete diesen Eintrag 04.06.2020 06:58:15

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