Wenn Anhänger der „Alternative für Deutschland“ plötzlich das Wort „Jude“ in den Mund nehmen.

Ein grüner Polizist macht sich über einen Facebook-Eintrag lustig, in dem jemand von „Kauft nicht Brot bei Juden“ schreibt. Anscheinend ein Überlebender des Holocaust, der auf einem schrecklichen Vorfall des November-Pogroms in der Nazizeit steckengeblieben ist. Muss ein alter Mensch sein, denn er schreibt auch über „Inkontinenz“. Man sollte sich wirklich nicht über die Beschädigungen durch die Nazizeit lustig machen, aber war es dieser Facebook-Eintrag wert, dass man diesen Polizisten gleich in seiner Kampagne gegen den deutschen Polizeipräsidenten heruntermacht? Muss man einen Polizeipräsidenten verteidigen? Sicher nicht. Der kann das schon selber.

Zweites Beispiel: Der abgekürzte Name einer deutschen Grünen, die türkischer Herkunft ist, ergibt, laut ausgesprochen, angeblich „H.Jews“, was sofort als „Hating Jews“ definiert wird. Die Grüne zieht es vor, nicht auf diese fiese Unterstellung zu antworten. Und los geht der freudige Shitstorm über Kommentare und facebook. Es wird etwas Bösartiges unterstellt, wogegen dann eifrig gekämpft wird.

Die „Neuen Juden“

In einer seltsamen Vermischung von Antisemitismus-Vorwürfen mit rechtspopulistischen bis rechtsextremen Inhalten wird derzeit im Netz Politik gemacht. Ins Auge gesprungen ist mir das erst (bei den beiden oben erwähnten Kommentaren einer deutschen Autorin auf fisch und fleisch), als ich sah, wie Poster, die sich dreißig Prozent für die „Alternative für Deutschland“ wünschen, plötzlich das Wort „Jude“ in ihre emotionalen Postings schrieben. Wo kam „der Jude“ her? Ein Wort, das ich bei denen vorher noch nie gesehen hatte. (Außer in Angriffen auf eine andere Autorin, die abwechselnd als „Roboter“ oder „Agent“ bezeichnet wurde. Aber: eine „Alte Jüdin“ sei die sicher nicht.)

Heinz Christian Strache, seines Zeichens österreichischer FPÖ-Obmann, bezeichnete sich schon einmal als „neuer Jude“. Er wollte damit sein Mitgefühl mit sich selbst ausdrücken*. Ähnlich war es hier auf fisch und fleisch: Während es vielen zum Beispiel egal ist, ob echte Menschen wie Flüchtlinge in Serbien bei Minustemperaturen ihr Leben lassen, erregte man sich über ein grünes Facebook-Posting, das sich angeblich über den Tod eines Weltverschwörers mit lustigem Namen erfreut zeigte. Es ging um Wörter! Und die echte betroffene Person war bereits tot. Während Poster im Netz andere Menschen sehr gerne „verbal sterben“ lassen, regten sie sich bei dieser Umdrehung, dem Spiegel ihres eigenen Verhaltens, auf.

Freiflottierende Ängste

Der Beginn der Schreib-Serie der oben erwähnten Autorin, die gegen die Grünen agiert, war der erfolgreiche Versuch einer Grün-Politikerin „rechtsrechten“ Homepages die Inseraten-Quellen abzudrehen. Die Politikerin wurde als „Denunziantin“ beschimpft und mit einem Shitstorm eingedeckt. In Wahrheit geht es also um Geld? Nein glaube ich, zumindest nicht nur, denn die Autorin zitierte den berühmten deutschen Journalisten Henryk Broder und die Homepage „Achse des Guten“, die anscheinend auch von Inseraten-Streichungen betroffen war. Mir persönlich tat es weh, zu lesen, wie Broder als Nachfahre von Holocaust-Überlebenden versuchte, zwischen all’ den Sorten und Angeboten von möglichen Rechtspopulisten zu unterscheiden. Solchen, mit denen er kann, und wo die Grenze ist („authentischer Nazi“). Holocaust-Nachfahren, die wie Herr Broder 1946 geboren sind, sind auch noch am stärksten betroffen von Trauma-Schäden. Da die größeren Kinder Worte haben, die kleineren Bilder, um ihre Erfahrungen und Ängste zu beschreiben. Die Babies, die die existenziellen Holocaust-Bedrohungen ihrer Eltern mit der Muttermilch eingesaugt haben, können ihre „freiflottierenden“ panischen Ängste nur irgendwo anhängen und nie richtig ausdrücken leider.

Ursprünglich wollte ich diesen Text „Der Angriff der Killerameisen“ nennen, aber dann fiel mir ein, dass die Nazis ihre Gegner sehr gerne mit Tiervergleichen entmenschlichten, ein Beginn von weiterer Entmenschlichung und schließlich Vernichtung. Genauso wie der Vorwurf der „Lügenpresse“ ursprünglich von den Nazis stammt. In den nächsten Tagen erhalte ich vom „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“ einen Aufsatz zur „Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurf“ zugeschickt. Daher: Fortsetzung folgt.

* http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/731056/Strache-und-die-Moerdergrube-des-Herzens?from=suche.intern.portal

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