Auch geistig Kranke trinken gerne Krone Gold. Um 4,99 Euro.

Neulich am frühen Abend vor meinem Hofer in Ottakring: Ein schwarzer Mann mit seltsamer Frisur, der laut mit sich selber redet und mit den Händen herum fuchtelt. Die EinkäuferInnen machen einen großen Bogen um ihn. Ich gehe einkaufen und als die Glastüren wieder aufgehen, steht der immer noch da. Was ist los mit dem? Da geistig kranke Menschen nur in Notfällen versuchen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erreichen und ich gute Erfahrungen gemacht habe, einem gestikulierenden Obdachlosen Geld zu geben, wonach er schlagartig erleichtert und wieder „normal“ war, reiche ich dem Afrikaner zwei Euro und bleibe in sicherer Entfernung. Die will er aber nicht nehmen. „No, I have money“, sagt er und zeigt mir seine Geldbörse.

Sense of my life

Ich mit meinem schlechten Englisch. „What is happening?”, frage ich ihn. Er will Kaffee kaufen und kann nicht in den Hofer gehen, ist die Antwort. Krone Gold. 4,99 Euro. „Warum können Sie nicht selber einkaufen gehen?“ „That is the sense of my life“, sagt er schulterzuckend. So sieht sein Leben aus? Das ist der Hintergrund, der Sinn seines Lebens? Häh? Da ich am Abend vorher Mister Monk im Fernsehen gesehen habe, der nicht in die Tiefgarage konnte, überkommt mich die Erleuchtung. Platzangst, Angst vor der Kassa Schlange, Angst das er wegen Auffälligkeit hinaus geschmissen wird. Okay, ich gehe zurück in den Hofer und suche Krone Gold. Zeige ihm den her durch die Glastüre. Nein, den mit dem hellen Deckel will er, den milden. Okay.

God bless you

Dann stehe ich wieder an der Kasse, aus meiner Manteltasche ragt die gläserne Milchflasche heraus. Der Kassier grinst nur. 4,99 Euro. Draußen schaut der schwarze Mann mit der seltsamen Frisur hoch erfreut den Kaffee-Behälter an. Er strahlt richtig über diesen Gegenstand. Als ob er es nicht glauben könnte. „God bless you“, sagt er zu mir. Dann dreht er sich um und geht friedlich seiner Wege. Der kann mit seiner anstrengenden Krankheit leben, der hat sie akzeptiert und geht mit ihr um.

Der spannendste Krimi, den ich übrigens je gelesen habe, handelte von einem Detektiv mit Tourette-Syndrom, der bei Verfolgungsjagden mit der Straßenbahn beim Fenster hinaus brüllte. Die Verbrecher nahmen jemand mit Tourette-Syndrom nicht ernst. Die perfekte Tarnung.

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Frank und frei

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rahab

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