Wenn im Fernsehen ständig Krieg herrscht und man plötzlich nicht mehr laufen kann, weil die permanente Ablenkung weg ist..

Jedesmal wenn diese Nachbarin mich im Stiegenhaus unseres Wiener Vorstadthauses trifft, hebt sie den Daumen und skandiert freudig „Islam is the best!“. Ich muss dann lachen, aufgrund dieses simplen Missionierungs- oder Überheblichkeitsversuches, noch dazu auf englisch.

Als der Sohn der Nachbarin in Untersuchungshaft sitzt, wird aus der dicken, kleinen Kopftuch-Frau eine schlotternde Gestalt in wallenden Gewändern. Sie magert ab, sicher 30 Kilo. Ihr jüngerer Sohn hat sich von einem österreichischen Freund in der Berufsschule Geld ausgeborgt. Als der Freund seinem Vater gegenüber Rechenschaft ablegen soll, wohin das Geld gekommen ist, lügt er und behauptet, der junge Türke hätte ihm das Geld geklaut. Eine Sicherheits- und Angstlüge. Der Mitschüler traut sich nicht, seinem Vater zuzugeben, dass er das Geld verliehen hat.

Das Ende der Geschichte für den jungen Austrotürken: Berufsschule futsch, Lehrplatz als Installateur futsch - aber Ende der Untersuchungshaft, weil die reiche, österreichische Nachbarin aus dem dritten Stock einen Anwalt engagiert hat. Die finanziell schwachen Türken hätten sich keinen Anwalt leisten können, obwohl der Vater sein Leben lang als Gastarbeiter fleißig hackelte.

Erdogan-Kaffeehäferl

Einmal winkt die Nachbarin mich herein und ich soll auf dem Sofa sitzen. Ihr Kopftuch liegt nur lose oben auf dem Schädel, denn Zuhause tragen die türkischen Frauen ja eigentlich keins. Die Zipfel flattern hinter ihr her, als sie in die Küche eilt, einen Kaffee kochen. Im Fernsehen läuft inzwischen türkisches Drama. Man sieht Soldaten, Panzer, Schußhandlungen und wähnt sich im Kriegsgebiet. Dann im Fernsehstudio der Schwiegersohn von Erdogan („Erdogan is the best“), der ein Kaffeehäferl hat, auf dem Erdogan steht. Angeblich auch seinen eigenen Fernsehsender. „Terröriste! Terröriste!“, sind die einzigen Worte, die ich verstehe, und die kommen in jedem „Drei Minuten-Beitrag“ gefühlte zwanzigmal vor. Mein Herz klopft. Weitere Soldaten, die irgendwen aus einem Haus holen. Terröriste! Nach zehn Minuten kriege ich innerlich Streß. Leben wir im Krieg? Außer Soldaten und Polizisten gibt es nichts auf diesem Sender. In der Werbung dann als Gegensatz schöne Frauen, die sexy herumschweben. Terröriste?

Fernseher aus

Wie hält man diese ständige Beschallung aus? Diese militärischen Bilder? Man muss ja wirklich glauben, dass in der Türkei Krieg herrscht, dass sich die Erdogan-Türken nonstop verteidigen müssen, dass ihr Leben in Wahrheit in jeder Minute in Gefahr sei!

Über den anderen Sohn, der gut deutsch spricht, nonstop fleißig hackelt und so die ganze Familie ernährt, lasse ich der Frau ausrichten, dass sie doch einmal den Fernseher ausschalten soll, dass dieses Terröriste-Programm einen ganz verrückt im Kopf macht - diese Riesenblockade eines fröhlichen Lebens. Der Sohn lacht. Terröriste! Das Nächste, was ich höre, ist, das meine Kopftuch-Frau im Spital liegt. Sie hat den Fernseher wirklich ausgeschaltet, die ständige Ablenkung war weg und prompt kriegte sie starke Rückenschmerzen. Sie konnte nicht mehr gehen. Eventuell fiel ihr die Enge und Armut ihres eigenen Lebens auf.

Psychosomatisch vermuten die österreichischen Ärzte. Doch die Familie fliegt in die Türkei mit ihr und die türkischen Ärzte operieren. Nach zwei Monaten kann sie wieder laufen und strebt flott draußen umher. Ich sehe sie plötzlich auf dem Markt, beim Volkstheater oder im Supermarkt. „Turkish doctor is the best“, höre ich im Stiegenhaus. Daumen hoch.

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