Jede einzelne Flüchtlingsfrau ist wieder ganz eigentümlich und speziell. Mit ihrer ganz eigenen Lebensgeschichte.

Die eine Syrerin hat in Damaskus Kunst studiert. Und zwar Malen, Kochen und Nähen – so wie eine Variante von Kunststudium in dieser schönen Stadt eben ausgelegt wurde. Einmal macht sie einen Obstsalat in Schichten, unten Pfirsiche, dann eine Schicht Trauben, wieder Pfirsiche usw. – schaut in der runden Glasschüssel sensationell aus. Oben kam irgendein frisches grünes Blatt-Gewürz drauf. Eventuell Pfefferminze. Sie malt Wandbilder, wie sie mir am Handy zeigt. Ihr Omlett hat mehr Kräuter drinnen als Eier und schmeckt umwerfend. Im richtigen Moment muss es umgedreht werden, minutenlang muss das Omlett in tiefster Konzentration beobachtet werden. Diese Syrerin war einmal eine reiche Frau, sie zeigt mir Fotos von ihrer Wohnung in einem Hochhaus in Damaskus. Grün schaut die Umgebung aus. Hohe Bäume. Drei Balkone in alle Richtungen, sagt sie. Hier in Österreich lebt sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Vor ihrem Fenster ist eine Mauer. Sie ist sehr unglücklich, weint viel und hat ständig Schmerzen. Manchmal kann sie kaum stehen. Ihr Mann verschwand plötzlich aus Damaskus, er schloß sich wohl irgendeiner Miliz an. Sie sah ihn nie wieder, rätselt bis heute wo er abgeblieben ist. Sie versucht ihren Sohn vor dem Militärdienst zu schützen und zu holen. Österreich verlangt hohe Geldsummen als Sicherheit. Dann wird ihr Ansuchen abgelehnt, denn woher sollte eine Flüchtlingsfrau so viel Geld haben? Theoretisches Geld - das Erbe ihrer Mutter liegt in Damaskus.

Eine Art Meditation

Eine andere Syrerin flüchtete mit Mann, den Kindern und Enkelkindern. Sie war ihr Leben lang Lehrerin. „Vierzig Dienstjahre“, sagt sie plötzlich auf deutsch. Ihre beste Freundin aus Kindertagen traf sie zufällig in Österreich wieder, seitdem sind die beiden unzertrennlich, sitzen auch immer nebeneinander. Diese Syrerin hat starke Herzschmerzen, ihr Herz hat aber nichts, sagt der Arzt. Der Bruder ihrer Freundin wurde in Syrien getötet, sie zeigt ein Foto am Handy her und kriegt plötzlich leere Augen. Sie war auch Lehrerin. Die eine ist elegant und damenhaft gekleidet, die andere in Jeans mit normalen Pullover. Der Mann der einen arbeitet bereits als Ingenieur. Wenn die Frauen beten gehen, verschwinden sie still und leise. Nach einer Zeit kommen sie gelassen, ruhig und konzentriert zurück. Eine Art Meditation. Rendezvous mit ihrem Schöpfer. Die Kunstabsolventin ist etwas anstrengend und will immer irgendwem etwas anschaffen. „Ich brauche“, sagt sie immer wieder. Dann folgt eine Liste. Man merkt, dass sie eine reiche Frau war. Ich versuche ihr beizubringen, „ich hätte gerne“ oder „ich würde gerne“ zu sagen, es funktioniert aber nicht.

Ich mag meine Syrerinnen, denn wenn man Pläne hat, sagen sie nie, das wird nicht funktionieren oder jammern herum, sondern sie beugen sich erfreut vor und sagen: „Wann machen wir das? Jetzt?“

Strikte Trennung

Die vierte Syrerin ist in der Performance-Szene unterwegs. Sie stammt aus dem schrecklich vernichteten Homs und ihre Eltern sind noch dort. An die mag sie anscheinend gar nicht denken. Sie lenkt sich nonstop ab, fährt auf Festivals, macht Kunst. Sie trägt kurze Hosen, Leiberl ohne Ärmel und kein Kopftuch. Sie ist fröhlich und frei, doch manchmal trinkt sie und tanzt eine ganze Nacht durch, erzählt sie. Warum?, wird sie von den anderen Flüchtlingsfrauen gefragt. „Da spült es andere Gedanken nach vorne, die im Hinterkopf festsaßen“, meint sie. „Da kommen neue Gedanken nach vorne.“ Seltsame Methode. Aber Therapie ist sicher teurer als ein paar Bier. Die Warteliste ist ewig lang. Auf der Straße würde man diese Syrerin für eine Italienerin halten. Sie versteht Dialekt und lacht sehr viel. Zu Homs möchte sie, plötzlich ernst, nichts sagen.

Als das Projekt für mich beendet ist, sagt die ehemals reiche Syrerin zu mir: „Du kannst nicht gehen...“ „Warum nicht?“ „Du kannst nicht gehen, weil... ich dich liebe.“ Ich muss lachen, aber meine Chefin verzieht das Gesicht, als ob sie auf Saures gebissen hätte. „Das heißt, weil ich dich gerne habe“, erklärt sie der Frau. Sie ist für strikte Trennung „Sozialarbeit“ und privat. Einer anderen Syrerin, die Analphabetin ist, bringe ich deutsche Wörter bei. Die Pflanze, die Blume, der Baum – mit Hilfe von Zeichnungen. Sie liebt Pflanzen und hat auf dem Dach des Sozialbaus einen Garten eingerichtet. Für alle zugänglich. Sie zeigt mir einen Film davon auf ihrem Handy. Diese deutschen Worte merkt sie sich alle sofort. Sechzig Euro muss sie im Monat zusätzlich zur Miete für ihren Dachgarten zahlen, den die Bewohnerinnen gerne nutzen. Sie hat drei große Töchter - alle zierlich, blass und in rosa gekleidet. Die sprechen perfekt deutsch und studieren schon.

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