Auf der Straße leben zu müssen, kann krank machen. Vor allem, wenn man aushalten muss, dass es allen Menschen egal ist, ob man lebt oder stirbt.

Ein Mann steht wie ein Denk- oder Mahnmal mitten unter den Menschen. Er hält sein Gesicht der Sonne entgegen und steht steif in einer Hose da, die wie ein Kleid aussieht. Schrecklich. Alle Marktbesucher beobachten ihn aus den Augenwinkeln, doch er bewegt sich keinen Millimeter, steht steif wie aus einer anderen Zeit, vom Himmel gefallen – ein schwarzer Alien mit einem unsichtbaren Schutzschild um sich herum. Obdachlose tauchen nur sichtbar auf, wenn sie Hunger haben oder nicht mehr Aus noch Ein wissen. Ich lege dem Mann ein Gebäck hin, werfe es ihm quasi vor die Füsse wie einem Tier - haue aber schnell ab, weil mir seine unheimliche Ausstrahlung Angst macht. Er scheint schon jenseits zu sein – in einer anderen Welt. Obwohl ich sonst mit Obdachlosen rede und einmal im Winter eine obdachlose Frau mit frischem Gibsfuß vom AKH-Ausgang mit in eine Pizzeria nahm, traue ich mich nicht, diesen Afrikaner hier anzusprechen. Er erinnert mich an einen anderen Afrikaner aus einem nicht kriegführenden Land, der eigentlich Bildhauer war und zeichnen konnte, der aber in Österreich komplett abstürzte und auf der Straße landete. Damals fühlte ich mich genauso hilflos. Diesen Künstler rettete aber eine Frau, eine obdachlose Österreicherin, die ihn mit zu den diversen Hilfsstellen nahm. Manchmal sah ich die beiden noch, wie sie inmitten von Kleiderbergen herumalberten wie die Kinder. Die beiden hatten aber sich gegenseitig und blieben aufmerksam und ansprechbar.

Von Schwachsinn und Schwäche

Der letzte Obdachlose, der einen Menschen getötet hat, war ein Deutscher, der in einem Obdachlosenheim einen anderen Obdachlosen ermordete. Obdachlosigkeit kann geistig krank machen, denn man braucht einen Schutzschirm, wenn man ständig öffentlich unter Menschen ist. Man muss erst einmal aushalten, dass es allen Menschen egal ist, ob man lebt oder stirbt. Man stirbt quasi öffentlich vor aller Augen, wie der Obdachlose im Aufzug am Museumsquartier, über den stundenlang Menschen hinweg stiegen.

Der letzte Angriff des Kenianers vom Brunnenmarkt erfolgte im Mai vor einem Jahr. Jemand hätte damals herauskriegen müssen, was es mit diesem Datum auf sich hat. Und warum eine Eisenstange. Aber es gibt so eine Art Pseudo-Toleranz obdachlosen Menschen gegenüber, die als quasi lieb und harmlos eingestuft werden - warum sie so abgestürzt sind, was genau passiert ist, interessiert niemanden, bevor er es selber erlebt. Weder die Polizei noch die Psychiatrie noch sein Heimatland Kenia wollten sich um diese verloren gegangene Spezies der Gattung Mensch kümmern.

Der letzte Obdachlose, der von einem Neonazi ermordet wurde, schnorrte in der Rotenturmstraße, wo er auch starb. Der Neonazi ist in Haft. Rechtsextreme ermorden gerne Obdachlose, weil deren Schwäche sie an ihre eigene Schwäche in der Kindheit erinnert. Sie töten eigentlich das Gefühl der Schwäche, den Zustand des „Schwachseins“ in sich ab.

Leben vor dem Tod

Was mich so ärgert, an dem Tod der armen erschlagenen Frau, ist, dass in den Nachrufen ständig gesagt wurde, sie hat Nonstop gearbeitet, sie war fröhlich und immer am arbeiten. Ihr Leben lang. In der Nacht ein Spielerlokal putzen..., es war ihr eigenes Putzunternehmen. Sogar ihre Freundin sah sie nur einmal am Tag für zehn Minuten, für einen Kaffee und eine Zigarette. Was für ein Leben ist das? Es ärgert mich, dass so viele Menschen den ewigen Leistungswahn geschluckt haben, immer nur arbeiten, stolz sind auf ihre Leistung, anstatt zu leben und das Leben zu genießen. Schade um die Frau! Ihr armer Ehemann!

Als Journalistin wurde ich einmal von einem erstaunlichen Jungen mit starkem Trauma Schaden angerufen und fuhr in die Psychiatrie nach Steyr, um ihn zu interviewen. Es muss für uns alle die Zeit bleiben, sich um Menschen „mit einem Schaden“ (in doppelten Sinne) zu kümmern und so eventuell weitere Schäden zu verhindern. Auch um die Österreicher natürlich, deren Vorfahren zwei Weltkriege überstehen mussten.

http://www.augustin.or.at/zeitung/tun-und-lassen/they-make-you-crazy.html

http://derstandard.at/1296696309933/Kommentar-der-anderen-Schlechte-Karten-fuer-Menschen-mit-Trauma

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Margaretha G

Margaretha G bewertete diesen Eintrag 23.05.2016 08:00:58

Silvia Jelincic

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