Was tun, wenn ein Schwimmtrainer einen einzelnen Jungen ständig körperlich anfasst? Einbildung oder echter Grund zur Besorgnis? Soll man etwas sagen? Was?

Kleine und große Kinder, die im Kleinkinderbecken Zug spielen oder im tiefen Wasser beim Kraulen untergehen. Beim Rückwärtsschwimmen zusammenstoßen, Wasser schlucken, lachen. Dazwischen ein Junge, circa acht Jahre alt, der herausgehoben wird aus der Masse. Seine Badehose ist nicht verschnürt, die Bänder hängen herunter. Er lacht schief, wenn der Schwimmtrainer – in knapper Badehose mit braungebrannter Brust – ihn immer wieder plötzlich am Unterbauch kitzelt. Ist der Junge nicht schon zu groß für so was? Der Trainer holt den Jungen aus der Menge der Kinder heraus, geht mit ihm in ein kleineres Becken und spielt dort mit ihm Ball. Schwimmtraining? Die beiden anderen Schwimmtrainerinnen protestieren nicht, dass er sich beinahe ausschließlich diesem Jungen widmet. Sie sind zu beschäftigt mit den großen Gruppen an Kindern.

Gegenargumente und Aufmerksamkeit

Seitdem mir ein Freund erzählte, dass er als Junge von seinem Fussballtrainer mißbraucht worden ist und dass „schlechter Sex“ besser sei als „gar kein Sex“ (!), bin ich aufmerksam geworden, was Männer und Jungs betrifft. Also versuche ich meine Beobachtung der speziellen Widmung mit Gegenargumenten zu relativieren: Dieser Schwimmtrainer fasst auch andere Kinder an. Er streicht einem kleinen Mädchen über das Haar. Er fasst seinen Kollegen, der in knapper Badehose etwas schwul ausschaut, auch an – der weicht seinen Händen aber aus. Trotzdem: Das einzige Kind, dass dieser Trainer beinahe ständig anfasst, ist der Junge. Inzwischen hat der Schwimmtrainer meine Blicke bemerkt und nickt mir zu. Wahrscheinlich hält er mich für eine Verwandte des Jungen. Dann zieht er sich ein Leiberl über.

Geldscheine und Aufmerksamkeits-Bettelei

Draußen im Schwimmbad-Restaurant bei einem Kaffee sehe ich dann die Familie des Jungen. Die Mutter eine stoische Blondine, der Vater ein trainierter, militärisch aussehender Rothaariger. Sie sprechen russisch. Dann sehe ich, wie der Vater von der Mutter einen Geldschein nimmt (einen Zwanziger?) und zum Eingangsbereich geht, um dem grapschenden Schwimmtrainer, der die nächsten Kinder empfängt, das Geld zuzustecken. Der Junge, inzwischen angezogen, schleicht sich immer wieder von seiner Familie weg, um dem Schwimmtrainer nahe zu sein. Und das ist es, was mir das Herz bricht. Er zwängt sich zwischen der Ticket-Theke und dem Trainer hindurch, er dreht eine Pirouette vor seinen Augen, er bettelt um weitere Aufmerksamkeit. Armer Junge. Die Mutter schaut nicht einmal. Der Vater holt ihn zweimal aus der Garderobe wieder heraus. Wenigstens der ist aufmerksam.

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Soll ich etwas sagen? Was? Wem? Als ich gehe, steht der Junge verloren und alleine vor dem Ticket-Schalter und redet laut mit sich selbst. Die Kassa-Frauen schauen schon. „Dein Vater erkauft sich die spezielle Aufmerksamkeit deines Trainers, das ist nicht gut“, würde ich ihm am liebsten sagen. „Dein Schwimmtrainer ist irgendwie seltsam.“ Aber ich traue mich nicht.

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G. Szekatsch

G. Szekatsch bewertete diesen Eintrag 01.10.2019 10:38:40

Der hat doch einen an der Klatsche!

Der hat doch einen an der Klatsche! bewertete diesen Eintrag 30.09.2019 13:41:52

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