"Nur Weiße regen sich über Anti-Corona-Maßnahmen auf"

Ein afroamerikanischer Busfahrer regte sich auf Facebook über einen hustenden Fahrgast auf. Ein paar Tage später ist er tot. Warum die Menschen in „systemrelevanten Berufen“ keine Zeit für Anti-Covid-Demos haben.

Eine schwarze Frau mit auf dem Kopf getürmten Haaren und Brille, niedergeschlagen und traurig. Ihr circa vierzigjähriger Ehemann, ein Busfahrer in einem öffentlichen Bus, hatte sich auf Facebook über einem hinter ihm stehenden Fahrgast aufgeregt: „Eine erwachsener Frau! Trägt keine Maske und hustet, ohne sich die Hand vorzuhalten!“ Neulich Nacht war im Fernsehen eine Reportage über die Vereinigten Staaten. „Mein Mann war ein sanfter Riese, sehr groß, aber mit einem guten Herzen“, erzählte die Frau dem Reporter. „Ein paar Tage später fühlte er sich krank. Er kam ins Krankenhaus und starb.“

Sie ist so niedergeschlagen, dass sie nicht weiter weiß. Ihre Versicherung und die der Kinder lief über die Anstellung des Mannes. Seit einem Monat ist sie unversichert. „Machen Sie sich Sorgen deswegen?“, fragte der Reporter das Offensichtliche. „Natürlich mache ich mir Sorgen“, sagt sie und nach ein paar Minuten noch einmal: „Natürlich mache ich mir Sorgen“. Nun hat sie auch noch ihren eigenen Job verloren. Sie wirkt wie gelähmt.

Internet-Prediger

„Nur Weiße regen sich über die Masken und den Verlust ihrer Freiheit auf“, sagte die afroamerikanische Frau. „Die Leute, die draußen unter Menschen arbeiten müssen, sind froh über alles, was das Virus eindämmt.“ Bei uns habe ich noch keine Krankenschwester oder Billa-Kassiererin gehört, die sich über die Maßnahmen aufregt. Nun tragen Menschen, die den ganzen Tag unter Menschen arbeiten müssen, und wenig verdienen bei langen Arbeitszeiten, noch das zusätzliche Risiko einer Ansteckung. Die, die nicht draußen hackeln müssen, sitzen Zuhause und predigen im Internet. Oder gehen auf Demos.

"Das Regime wird fallen"

Am nächsten Tag im Fernsehen: „Christen im Widerstand“. Ein blonder, deutscher Prediger, der meint: „Das Regime wird fallen“. Sieben Kinder hat der und ist komplett euphorisch über Corona, denn das Virus ermöglicht ihm, ein Publikum für seine Gesänge, „Musikkünste“ und Ideen zu finden. Er spricht wie viele andere von „Satanisten, die Kinder missbrauchen“ würden und sagt lachend in die Kamera in Anspielung an das Stauffenberg-Attentat: „Man weiß ja heute nicht, wen man ausschalten soll“.

Gruselig. Eine Frau hat dazu jetzt ein Buch geschrieben: „Die Angstprediger“. Fundamentalistische Christen würden „in die Schlacht ziehen“ gegen „diktatorische Maßnahmen“. „Deutschland wird bald eine bibeltreue Regierung haben“, behauptete der aus der Kirche entlassene Priester noch. Frauen knien auf dem Boden und heben die Arme, wenn er sein Gesicht inbrünstig verzieht und falsch singt.

geralt/pixabay https://pixabay.com/de/photos/trauer-kerze-todesanzeige-sterben-3064504/

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Frank und frei

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G. Szekatsch

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