Ohne den Zusammenhang zum Holocaust, kann man die Texte und die Symbole vieler Punk Bands nicht verstehen. Bis heute ist das so.

„Ich wurde im Januar 1949 in Budapest geboren“, erzählt Tommy von den Ramones. „Meine Eltern waren professionelle Fotografen und hatten liberale Künstlerfreunde, die sie beschützten. Aber der größte Teil meiner Familie wurde im Holocaust ermordet. Ich hab’s gerade noch geschafft.“ Angesichts der Umstände hätten seine Eltern den Krieg nämlich gar nicht überleben dürfen. Tommys Vater änderte wegen des Antisemitismus in Ungarn seinen Namen „Grunewald“ in „Erdelyi“ um, was ebenfalls „grüner Wald“ bedeutet. Die Familie wartete monatelang in Österreich auf die Ausreisepapiere in die USA. Tommy verliebte sich mit seinen sieben Jahren in den Rock’n Roll und seinen treibenden Beat. Er lebte als Flüchtlingskind in der Militärbasis Camp Kilmer in New Jersey. Douglas Colvin (Dee Dee Ramone) war in Berlin von einem Ami-Soldaten und einer deutschen Mutter geboren. „Er fühlte sich innerlich in einen Juden und einen Nazi gespalten. Er liebte und hasste alles, was sein eigenes Selbst ausmachte“, schreibt Steven Lee Beeber. „Er war links und rechts – er war sehr schizophren. Um zu rebellieren, begann er Eiserne Kreuze und Hakenkreuze zu sammeln. Dafür verprügelte ihn sein Vater natürlich heftig.“

Eine dunkle, zornige Wahrheit

Ohne den Zusammenhang zum Holocaust, kann man die Texte und die Symbole vieler Punk Bands nicht verstehen. Der Holocaust hinterließ Schäden in den Eltern und auch in den Kindern, mit denen es irgendwie umzugehen gilt. „Dee Dee schien zu glauben, dass er durch die Hakenkreuze wenigstens etwas Aufmerksamkeit erhielt. All dieser Haß war für ihn wie Liebe.“ Er hatte eine Obsession zu Nazi-Deutschland. Tommy meinte in einem Interview, dass seine Bandmitglieder durch ihre Affinität zur Nazi-Symbolik für ihn gefährlich und anziehend zugleich waren. So wie der Rock n’ Roll. „Da ich mit der Angst vor dem Holocaust aufgewachsen bin, empfand ich das Zusammensein mit ihnen wie ein Leben unter der Gefahr...“ Seine Form, mit der Angst umzugehen und etwas daraus zu machen. Alle drei, also auch das zornige irische Arbeiterkind John Cummings aus Forest Hills glaubten, dass es notwendig sei, eine dunklere zornigere Wahrheit an die Oberfläche zu bringen. Der Sänger wurde Joey Ramone, dessen Vater ein anstrengender Jude mit dem Namen Noel war. „Er wurde oft zusammen geschlagen und nahm die Gewalt schweigend hin. Wie auch die vom Vater“, meinte sein Bruder später. Die Vier gründeten eine Band für Kinder ohne Illusionen: Die Ramones.

Nazi Parodien

Tommy strich Dee Dees nazibessene Lyrics und änderte „I’m a Nazi baby“ in „I’m a Nazi Schatze“ und „I’m a German soldier“ in „I’m a shock trooper in stupor“ um, womit diese möglicherweise glorifizierenden Texte zu Parodien wurden. „Gleichzeitig stahl er ihnen die Bedrohlichkeit und überließ diese dem schreienden Juden an der Spitze der Band, diesem kafakaesken Strichmännchen, das einem Käfer glich, der sich in einen Rockstar verwandelt hatte“, schreibt Beeber.

Bandnamen wie Siucide oder WAR, dazu Selbsthass und innere Täteranteile gaben eine explosive Mischung ab. Sid Vicious stand im Verdacht, seine jüdische Freundin Nancy getötet zu haben. Rotten sang: „Ich will keinen Urlaub in der Sonne, ich möchte zu einem neuen Belsen fahren.“ Dazu kommt die Geschichte der Eltern, deren Erziehungsstil und Rebellion: Bernard Rhodes war z. B. schon Manager des Clash-Vorläufers „London SS“, seine Mutter war Holocaust-Überlebende. Der Mythos besagt, dass er der Band einen Haufen Nazi-Insignien vor die Füße warf. Bei Velvet Underground gingen die Deutsche Nico und Lou Reed, der eigentlich Louis Rabinowitz hieß, eine Beziehung ein, die man als Hassliebe bezeichnen kann – voll Obsessionen und „Menschenbesetzung“, eben typisch für extrem traumatisierte Menschen. Heutige Punk-Bands wie „Die Verlierer/Da Valira“ zum Beispiel haben oft ebenfalls diesen Hintergrund. Der Vater des einen Verlierer-Bandmitglieds wurde von der Kärntner GESTAPO als „Zigeuner“ umgebracht. Der Holocaust ist nicht so weit weg, wie sich das manche wünschen. Nur ein bis zwei Generationen.

Steven Lee Beeber: Die Heebie-Jeebies im CBGB’s. Die jüdischen Wurzeln des Punk, Ventil Verlag 2008

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G. Szekatsch

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Der hat doch einen an der Klatsche!

Der hat doch einen an der Klatsche! bewertete diesen Eintrag 23.10.2018 14:43:18

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