Von angezündeten Papier-Moscheen, Vorträgen in der Hofburg und einer Abschiebung in die EU. Eine Erinnerung.

Vor Jahren war ich als Journalistin auf einer Demonstration gegen ein geplantes muslimisches Gebetshaus im 20. Wiener Gemeinde Bezirk. Oder sollte es nur ein Kindergarten werden? Die Anrainer beschwerten sich auf jeden Fall lautstark in den Medien wegen in Zukunft mangelnder Parkplätze und möglicher Ruhestörung durch den Betrieb. Die Sprecherin der Initative gegen die geplante Moschee war die Schwiegermutter des damaligen Wissenschaftsministers, der gerade darüber entscheiden musste, ob Imame im Universitätslehrgang auch eine Gender-Ausbildung erhalten werden.

Auf jeden Fall wurde mir ganz mulmig zu Mute, als eine Frau eine aus Papier gebaute Moschee, die den ganzen Demonstrationszug entlang mitgetragen wurde (wie in christlicher Tradition bei einer Prozession), anzündete. Die kleine Moschee verbrannte und fiel zu Boden. Die Frau grinste. Auch wenn ich Agnostikerin bin und an einen wohlwollenden, künstlerischen Schöpfer glaube, habe ich Ehrfurcht vor der Religion anderer Menschen. Ich wartete auf Zeus Blitz sozusagen. Nichts passierte. Die FPÖ-ler – Heinz Christian Strache war kurz vor der Inbrandsetzung erschienen und hatte eine kurze Rede gehalten – trugen ein seltsames Lächeln auf den Lippen.

Bei vielen Islamkritikern wird man bis heute den Eindruck nicht los, sie wehren sich in Wahrheit gegen alte christliche Internate, auf die sie gehen mussten (Strache zum Beispiel ab sechs Jahren zu den Schulbrüdern) - gegen patriarchale Gewaltausübungen, die ideologisch begründet wurden. Und dass sie mit „dem Islam“ eigentlich bestimmte Formen der christlich-kirchlichen institutionalisierten Ausübung von autoritärer Macht treffen wollen – alte Rache sozusagen. Über einen für sie relativ harmlosen Umweg ausgedrückt.

(In Anlehnung an die Armin Wolf-„Satire“ scherzhaft ausgedrückt: „Der Islam soll es nicht persönlich nehmen“.)

Einladung in die Hofburg

Vorher war ich, ebenfalls als Journalistin, in der Hofburg bei einer Vortragsreihe gewesen, die dieser ÖVP-Wissenschaftsminister organisiert hatte. Ich erinnere mich an Seyran Ates, (Rechtsanwältin aus Berlin) die eine Rede gegen „den Islam“ hielt (heute ist sie gemäßigter), gegen angebliche „Stammesgruppen“ und „Multikulti-Hokuspokus“. Mir persönlich kam sie wie eine typische Kinder-Einwandererin vor, die sich beim Aufwachsen in Ausdrucksweise und Inhalt stark an die deutsche Mehrheit angepaßt hat. Weil sie es musste. Mehr als „Deutsche“ als als „Türkin“ - nichts mit „Transkulti“ also, keine Vermischung und Neufassung, sondern zwei starre uralte Identitäten nebeneinander. (Scherzhaft ausgedrückt: Sie bestätigte mehr meine rassistischen Vorurteile gegen Deutsche als gegen Türkinnen.) Ates unterstrich auch, dass sie in Deutschlands Schulen „Streitkultur“ gelernt hatte. Seltsam erschien mir die freundschaftliche Nähe des ÖVP-Mannes mit einer angeblich „linken Feministin“ (damalige Selbstdefinition), wo doch die mächtigen ÖVP-Herren Feministinnen immer als Feindbild behandelt hatten und nicht ausstehen konnten. Einladung in die Hofburg! Freundschaftliches Händegedrücke vor den Kameras! Ates erhielt sehr viel Beifall von den anwesenden Vertretern der Mehrheitsgesellschaft. Sie strahlte.

Die Schwiegermutter des Wissenschaftsministers war mit einer Unterschriftenliste gegen die Moschee durch den Gemeindebau gelaufen, wie mir eine Roma-Freundin, selber Muslimin, entrüstet berichtete. Jeder wusste, wer sie war. Sie trat im Fernsehen als ganz normale Anrainerin auf.

„Anzünden, anzünden“

Als Zuschauerin des Demonstrationszuges war ich innerlich erschrocken und schockiert, als einige Hooligans in Richtung auf ältere muslimische Frauen mit Kopftuch „Anzünden, anzünden“ riefen. Die wohl türkischen Frauen hatten sich Schemel mitgebracht, um die Demo zu beobachten, sassen friedlich an ihren Häuserausgängen und waren sich keiner Gefahr bewußt. Wahrscheinlich verstanden sie die (scherzhaft geäußerte?) Drohung gar nicht.

Nach der Demo brachte ich eine junge muslimische Frau mit Kopftuch nach Hause, nachdem sie mich angesprochen hatte, dass sie sich fürchtete. Auf dem Weg zu ihrem Hochhaus gingen uns drei Männer nach, deren „Scherzreden“ mir nicht mehr egal waren. Nur mit professioneller Gefühls-Unterdrückung beruhigte ich die junge Frau. Zuhause merkte ich aber, dass ich ebenfalls ob der Aggressionen schockiert war. Das Bild der angezündeten kleinen Papier-Moschee steht mir noch immer vor dem inneren Auge und das Strahlen der Frau, die den brennenden Papierfetzen hinterher sah. Was mag sie empfunden haben?

Der Wissenschaftsminister wurde in die EU abgeschoben. Anscheinend wollten ihn einige in der damaligen ÖVP loswerden. Er fiel sozusagen die Treppe hinauf. Damals hatte es die ÖVP noch nicht so mit der EU. Infolge konnte er das EU-Füllhorn über Österreich ausschütten und angeblich sogar Erdogan einbremsen.

https://kurier.at/chronik/oesterreich/seriensextaeter-bei-den-schulbruedern/148.590.190

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