Nicht jeder wollte sein eigenes Leben hingeben, als „Krönung allen Opfersinns“. Für die neue Religion des Nationalsozialismus spielte der Totenkult eine wichtige Rolle.

Der Großteil der Bevölkerung saß im Wirtshaus, als der Salzburger Gauleiter seine Heldenhaine mit den „Totenbrettern“ der Gefallenen feiern wollte. Der wütende Bürgermeister von Thalgau wollte deshalb während nationalsozialistischer Feiern alle Gasthäuser schließen, doch das verbot der Gauleiter, „um dem Ansehen der NSDAP nicht noch mehr zu schaden“. Diese Anekdote fand ich in dem Buch „Wo sind sie geblieben?“ über Kriegerdenkmäler und Gefallenenehrung in Österreich, das im Heeresgeschichtlichen Museum Wien zu kaufen ist. Die Bevölkerung weigerte sich also zum Teil „mit heiligem Schauer“ ihr Leben „hinzugeben“ und frönte lieber dem Promille-Eskapismus. Heroisierung und Mystifizierung von Todeskampf und Selbstverlust wirkten also doch nicht bei allen. (Anm. Typisch auch, wohin „der Österreicher“ vor Gefahren und „anstrengenden Deutschen“ flüchtet: ins Wirtshaus.)

Das Grauen vor dem Krieg

„Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen.“ Was für eine seltsamer Slogan, „Wir müssen sterben“. Warum? Wieso? Ein Slogan, der das Leben des Einzelnen unter das „Leben“ eines umgrenzten Gebietes stellt, das seine Gestalt in der Zeit öfter verändert hat. Gefallenenehrungen dienten auch der Aufforderung zur Nachahmung der Heldentaten. Zum Beispiel des „Heldentodes“. Laut Reichspropagandaminister Goebbels war aber darauf zu achten, „dass wohl die Härte, die Größe und das Opfervolle des Krieges gezeigt werden sollen, dass aber eine übertrieben realistische Darstellung, die statt dessen nur das Grauen VOR dem Krieg fördern kann, auf jeden Fall zu unterbleiben habe.“ Ja keine blutige Wirklichkeit, nicht der mörderischen Realität ins Auge schauen, statt dessen Nebel in die Hirne, Umwolkung durch Propaganda. (Anm. Heutigen Kriegsflüchtlingen wird gerne vorgehalten, dass sie ihr Leben eben nicht hingeben wollen.)

Kunst: Zum Totenkult verpflichtet

Adolf Hitler kündigte bereits 1933 an, den Einfluß der „pazifistisch-internationalistischen Demokraten“ auszuschalten und einen neuen Geist germanischen Heldentums in die Kunst zu bringen. Kulturpolitik kam in der „Jahrhundertschlacht der Weltanschauungen“ überragende Bedeutung zu. Schon 1933 formulierte Hitler die „zum Fanatismus verpflichtete Mission der Kunst“. Für die neue Religion des Nationalsozialismus spielte der Totenkult eine wichtige Rolle. Kriegerdenkmäler gehörten zu den wichtigsten Medien, um diese Aufgabe zu erfüllen. Der Totenkult wurde außer von der Wehrmacht fast ausschließlich von der Partei getragen. Der vorherrschende Gedanke des NS-Totenkults war diese Forderung: „In der Hingabe des eigenen Lebens für die Gemeinschaft liegt die Krönung allen Opfersinns.“

Nackter mit Kurzschwert

Ein Idealbild des „arischen Kämpfers“ wurde in der „Kunst“ gezeigt, oft als nackter Einzelkämpfer mit Kurzschwert. Gezielte Ablenkung von Kriegsrealität und Massenvernichtung. Hitler selbst hatte schon von 1924 bis 1926 Entwürfe für Kriegerdenkmäler gezeichnet, wohl um seine Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg zu bearbeiten. Es waren gewaltige Totenburgen als Rundbauten, die er in allen vier Himmelsrichtungen ansiedeln wollte. Später wurden zivile Opfer als „Gefallene der Heimatfront“ in die Heldenverehrung miteinbezogen. In der Wirklichkeit des „totalen Krieges“ verschwanden die Grenzen zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten.

Giller, Mader, Seidl: Wo sind sie geblieben? Kriegerdenkmäler und Gefallenenehrung in Österreich, Bundesverlag, Schriften des Heeresgeschichtlichen Museums 1992

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