Jede und jeder hat die eigene Variante von Panikattacke. Hängt nämlich von der jeweiligen Vorgeschichte ab. Man sollte sich halt der eigenen Auslöser von Panik bewusst sein – gerade in Zeiten von Corona.

Gestern in der Aida gähnende Leere. Das altmodische Wiener Traditionscafe, in viel Rosa und Orange gehalten, ist von Stille geprägt. Normalerweise sitzen hier viele ältere Leute. Die einsame Kuchenverkäuferin ist am Jammern: „Wir haben ständig Kundenkontakt. Montag noch bis drei Uhr und wenn ich Dienstag freihabe, sperre ich mich in meine Wohnung. Wie im Krieg damals.“ Dann muss sie niesen und schaut erstaunt. Die Marillenspitz nehme ich jetzt aber trotzdem mit. Mit 14 Jahren war sie in Serbien im Krieg. Das hat sie geprägt. „Sie müssen aufpassen, dass Sie nicht die alten Kriegserinnerungen als Jugendliche mit dem Corona-Virus jetzt vermischen“, sage ich, da die eher toughen Aida-Verkäuferinnen sich sonst nie beschweren. Die sind ja die kritischen Omas gewöhnt. Die Frau legt die Arme auf die Theke und lächelt plötzlich entspannt. Erzählt vom Krieg. Eine hübsche, etwas stärkere junge Frau in weißem Leiberl und rosa Rock. Als ich gehe, sagt sie: „Sehen wir uns nach dem Krieg!“ und zwinkert mir zu. Den Satz wiederholt sie noch zweimal. Ich muss lachen, sie hat schnell und ganz genau verstanden was ich meine. Nach Corona gehe ich sicher nach ihr schauen.

Keine Luft mehr

Letzte Woche war ich noch schnell, bevor die Geschäfte alle schließen, eine Strickjacke kaufen, die ich im Schaufenster gesehen hatte. Die Chefin der kleinen Boutique entschuldigt sich, weil ich ihr den Schlüssel in die Hand drücke, der außen an der Glastüre steckte. Gestern hätte sie etwas auf Facebook gelesen und minutenlang keine Luft bekommen. Die Luft wäre ihr weggeblieben und sie stürzte hin. Sie wusste nicht mehr genau, was in der Facebook-Meldung stand. Irgendetwas mit Corona und Ersticken. Sie klappte zusammen, denn ihre ältere Schwester war vor kurzem erstickt und ihre Mutter auch durch Ersticken gestorben. Sie kriegte schon kaum Luft, als sie mir davon erzählte. Sie hat panische Angst vor Corona und einer möglichen Atemmaske. Dann führte sie mir ihre verschiedenen Jackenmodelle vor und turnte im Geschäft herum.

Sie stammte aus Krakau in Polen, aber ich wollte sie jetzt auch nicht über ihre Familiengeschichte ausfragen. Eine kleine ältere Dame, die sehr mädchenhaft wirkte, in einem schwarzen italienischen Strickkleid mit Pompons.

Bevor ich ging, zeigte ich ihr dann ein paar Übungen aus der Traumatherapie, damit sie wieder Luft kriegt. Ich kam mir zwar seltsam vor, aber außergewöhnliche Situationen in der Gesellschaft erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.

Wenn jemand eine Panikattacke hat, soll sie oder er genau beobachten, was die ausgelöst hat. Sich ganz genau erinnern, am besten aufschreiben. Man sollte seine Auslöser von Panikattacken kennen, damit man gegensteuern kann. Gerade jetzt.

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robby

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rahab

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