Ein seltsamer Ausdruck: Sich nach Hause drehen. Als ob man kein Zuhause hätte. Das wahre Zuhause: der Tod? Woher kommt die Neigung der Kärntner zur Selbstzerstörung?

Am Sonntag abend hatten wir im Gasthaus Ille noch gemeinsam Karten gespielt. Doch ich durfte beim „Fünf Uhr Tee“ immer nur bis 20 Uhr bleiben. Eigentlich musste ich mich schon um halb acht auf den Heimweg machen, die Landstraße entlang, ohne Gehweg – immer geradeaus. Mit meinem kleinen Batterieradio mit langer Antenne am Ohr. Die LKW-Fahrer dachten, ich funke und hupten mich an. Montag früh saß ich aber schon ab sieben Uhr im ORF Kärnten, Landesstudio, Aktueller Dienst. Ich musste die Unfallsmeldungen machen. Pro Unfall sechzig Schilling, soweit ich mich erinnere. Aber nur bei Toten. Manchmal passierte tagelang kein einziger Unfall und ich verdiente nichts. An diesem Tag aber hatte es einen Toten gegeben – in meinem Dorf. Und es war einer der jungen Männer gewesen, mit denen ich am Abend zuvor noch geschnapst hatte. Alfred, ein adoptierter Junge, weil der Bauer wen für seinen Bauernhof brauchte. Alfred war auf der Rückfahrt von der Disko in Velden hinten aus dem Auto gefallen. Oben in der scharfen Kurve über unserem Dorf. Er hatte die Autotüre angeblich selber geöffnet, komplett rauschig und war in die Nacht gefallen, für immer.

Mit dem Moped um den Baum

Der nächste war einer der frechen Jungen, die mich manchmal auf dem Rücksitz ihres Mopeds mitnahmen. Nicht der slowenische Janko, der barfuß Moped (Yamaha?) fuhr und kein Wort mit mir sprach, nur stumm lächelte, sondern der etwas angeberische Hans-Jörg, der sich um einen Baum gewickelt hatte. Nachdem ich live auf Sendung zu weinen begann, musste ich die Unfallsmeldungen nicht mehr sprechen, wenn ein Bekannter dabei war. Ich konnte den Selbsthaß, die Neigung zur Selbstzerstörung an der Grenze unter den Karawanken nicht verstehen. Mein Freund Charly versackte beim Militärdienst, er fing zu saufen an und ich sah ihn nie mehr nüchtern. Ein anderer Charly arbeitete in Ferlach, Glockherstellung. Auch der meist rauschig. Horsti, Edi und ein dritter Charly versuchten mich zum Sommerfest in Ferlach (Sehnsuchtsort mit bunten Glühlampen) abzuholen, doch mein Vater schmiß sie hinaus. Die Rituale im Dorf waren hart. Mädchen wurden umworben und nachdem sie „gefallen“ waren, nicht einmal mehr gegrüßt, nur noch hartherzig ignoriert. Mädchen wurden geschwängert, die Jungs hauten nach Deutschland ab. Mädchen waren entweder „Huren“ oder „zu schiarch zum ficken“ – eine dritte Möglichkeit gab es nicht. Wir schlossen Wetten ab, wer auf den Polka Festen mit mehr Berufsmusikern schmuste oder gerade noch davonlief. Einmal wurde mir schlecht, der Musiker hatte einen riesigen Schnauzbart. Meine beste Freundin ließ sich auf LKW-Fahrer ein, die im Gasthaus ihrer Tante abstiegen. Ihr einziger „Fluchtweg“. Übermüdung, Überarbeitung, LKW-Fahrerkabinen – auch eine Form von möglicher Selbstzerstörung. Sie ließ sich nicht abhalten. Bei Hochzeiten hackelten wir ganze Nächte durch. Die heulende Braut, die entführt worden war. Der Bräutigam, besoffen, irgendwo auf der Straße verloren gegangen. Die Braut verbrachte die Hochzeitsnacht bei uns in der Küche.

Mit dem Auto in einen Zaun

Und dann der „große Erlöser“. Das ganze Dorf fuhr mit dem Autobus nach Bad Kleinkirchheim in das Thermalbad. Ausflug. Der Chauffeur von Jörg Haider schnitt uns auf einer Querstraße. Das ganze Dorf sah den kotzenden Haider, der hinten am Rücksitz geschlafen hatte. Grün war er im Gesicht. Dann fuhren wir weiter. Als ich Jahre später hörte, dass sich Jörg Haider „derschlagen“ hatte mit seinem schnellen Auto, wunderte mich das nicht. Der „Überanpassler“, der gar nicht aus Kärnten stammte, sondern das arisierte Grundstück seines Onkels geerbt hatte – das wunderschöne Märchental mit zwei Dörfern – hatte sich den Gewohnheiten unserer Gegend angepaßt. Überangepasst leider. Kärnten zieht wohl Selbstzerstörer mit einem gewissen Hang zur Verleugnung der NS-Vergangenheit magisch an. Die slowenische Verwandtschaft wird verleugnet, die Sprache gilt als die „schirche“ Sprache – ein Teil von sich selbst wird heruntergemacht. Zerstört. Das hat Folgen. Innere Zerissenheit. Boshaftigkeit. Leere, Selbstverleugnung. Die Abkürzung nehmen: Dann „draht man sich ham“. Die „wahre Heimat“: der Tod? Haider brachte mit seiner Politik einen bosnischen Kinder-Flüchtling dazu, sich vom Turm in Villach zu stürzen.

Insofern befürchte ich, dass die Kärntner morgen wieder den Weg der Selbstbestrafung wählen, die mühsame Aufbauarbeit von Peter Kaiser und Rolf Holup kaputtmachen werden. Dass sie die Hypo-Katastrophe, den Schuldenberg, den Haider hinterließ, schon wieder vergessen haben - das Ausmaß an Korruption für Brot und Spiele. Eventuell hatte Haider es ja gut gemeint für das Grenzland der Arbeitslosen und ledigen Mütter. Aber wäre er im Wald gefahren, wie alle echten rauschigen Einheimischen auf einem Samstag abend, hätte ihn eventuell wer retten können. Die Gendamerie stand schließlich im Wald und nicht auf der leeren Bundesstraße

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