Er bemüht sich ja eh so, der Enkel eines SA-Mannes. Einen Tag vor dem Ibiza-Untersuchungsausschuss, den nächsten am jüdischen Friedhof. Ein SA-Opa, der „den anderen vorangeht“, war ja wohl ein Garant für einen gewissen emotionalen Missbrauch eines Kleinkindes.

„Mein Opa war ein strammer Nazi“, sagte Wolfgang Sobotka im Fernsehen, er selbst befasse sich „wegen seiner Familiengeschichte“ mit dem Nationalsozialismus. Um die Briefe seines Großvaters - des „SA-Leiters“ von Waidhofen an der Ybbs - zu lesen, habe er sein Kurrent wieder aufgefrischt. „Seid euch bewusst, dass ihr Deutsche seid!“, schrieb der Großvater zum Beispiel. Der Enkel: „Er schreitet der SA in Waidhoven voran, schreibt er. Er war in Gedanken wirklich ein Nationalsozialist.“ Nicht nur in Gedanken – historisch gesehen. „Ich bin mit 14 Jahren als Nazi-Bua tituliert worden.“ Sobotka trägt den Mittelfinger im Verband. Dann redet er gleich von Bruno Kreisky und Simon Wiesenthal. Eine Historikerin beschreibt in der gleichen Sendung die kollektive Erleichterung, als Österreich als offiziell „erstes Opfer des Nationalsozialismus“ tituliert wurde. In Folge hieß es nirgends „Ich komme aus einer Täter-Familie.“

Milde Urteile, kurze Haft

„Mein Vater war ein glühender Antifaschist, weil er belastet war“, sagt Sobotka. Im Internet ist zu lesen, dass der Kriegsheimkehrer stark traumatisiert war. Konzentrationslager? „Wie kann das passieren? Das ist für uns unvorstellbar“, behauptet der österreichische Nationalratspräsident Sobotka. Keine Ahnung hat er von der „Leerstelle, die man immer umkreisen muss“, oder gar von Übertragung über die Generationen oder inneren „Täter-Anteilen“, den so genannten „Täter-Introjekten“. Es gibt ein neues Buch über die SA von Hans Schafranek, der in Berlin die Akten der niederösterreichischen SA-Kreisleiter einsah. Waidhofen an der Ybbs war ein Hort des Nationalsozialismus. „Die Kreisleiter hatten ein hohes Maß an sozialer Kontrolle“, belegte Schafranek. „Obwohl die Urteile besonders mild ausfielen, mussten sie oft nur ein Drittel der Strafe absitzen.“ Späte, aber sehr notwendige Täter-Bearbeitung.

„Syrien, sagt die Anti-Defamation League, die wären noch viel antisemitischer als wir“, frohlockt Sobotka öffentlich am Internationalen Holocaust Gedenktag. „Und wir sind schon sehr antisemitisch.“ Eine heutige „Mutation des Antisemitismus wollen wir bekämpfen“. Die Fernsehzuschauer werden schon wissen, wer mit dieser Ansage und wie das gemeint ist. Als nächste Entlastungsstrategie.

Emotionaler Missbrauch

Ein SA-Opa, der „den anderen vorangeht“, ist ja wohl ein Garant für einen gewissen emotionalen Missbrauch eines Kleinkindes. Der Sohn vertrug den Krieg schlecht. Aus dem Enkel Sobotka wurde ein Politiker, der wegen der Glücksspielgelder-Spenden an sein Alois Mock-Institut vor dem Ibiza-Untersuchungsausschuss stand. Kurz danach gräbt er mit Kippa auf dem Kopf in der Erde eines jüdischen Friedhofs. Melancholischer Gesichtsausdruck. Für das Foto in der Zeitung. Er bemüht sich ja eh so, der Enkel eines SA-Mannes.

Dann redet der ÖVP-Nationalratspräsident wieder im Fernsehen vom „Missbrauch durch die Mutter“, die daran schuld wäre, wenn ihr Kind nach zehn Jahren Österreich abgeschoben wird. Das humanitäre Bleiberecht für die Kinder war aber noch nicht entschieden. Will nicht jede Mutter das beste Leben für ihr Kind? Bei der Frau eines SA-Leiters und der Frau eines traumatisierten Kriegsheimkehrers, der „belastet zum glühenden Antifaschisten“ wurde, habe ich aber so meine Zweifel. „Es war Missbrauch durch die Mutter“, sagte der Präsident noch einmal, alle Gesetzes-Verschärfungen der letzten zehn Jahre ignorierend. Täter-Kinder und Täter-Enkel werden immer lauter als Überlebenden-Kinder und Enkel schreien, denn nur letztere kämpfen mit der Scham und dem Leid, erstere sind kämpferisch stolz auf sich - in ungebrochenen Selbstbewusstsein.

Hans Schafranek: Wer waren die niederösterreichischen Nationalsozialisten? Biografische Studien zu NSDAP-Kreisleitern, SA und SS. Hrsg. vom Verein für Landeskunde von Niederösterreich. St. Pölten 2020

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Mona Muhr

Mona Muhr bewertete diesen Eintrag 09.02.2021 21:27:14

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