Strache zu Kern: "Sie Brunnenvergifter, Sie!"

„Schadenzauber“ wurde Juden im Mittelalter vorgeworfen – jüdische Ärzte wurden als Urheber der Pest verleumdet. Daher kommt der Ausdruck „Brunnenvergifter“. Halten wir fest: Sogar wenn Strache explizit nicht antisemitisch sein möchte, zeigt sein Unterbewußtsein das Gegenteil her.

Es ist der „Treppenwitz der Geschichte“, wie wir als Kinder sagten, ohne zu wissen, was es bedeutet, wie sich FPÖ-Politiker Strache ausdrückte, um seinen möglichen Antisemitismus gegen den Milliardär Soros zurückweisen. Ausgerechnet, um antisemitische Denkvarianten weit von sich zu schmeißen, benannte er SPÖ-Chef Kern in einer Diskussion im Wiener ORF-Funkhaus mit „Brunnenvergifter“. Schon als ich am Fernseher vorbeizischend, dieses Wort hörte, riss es mich her. Brunnenvergifter? Wieso so ein altmodisches Schimpfwort verwenden? Fiel ihm nichts anderes ein? Woher hatte er das? Oder ist das ein gebräuchliches Wort in seinen Kreisen?

Beliebtestes antisemitisches Klischee

Der falsche Vorwurf der Brunnenvergiftung ist ein aus dem Mittelalter stammender Vorwurf an „die Juden“, die das Wasser vergiften würden. Er diente vor allem in der Zeit der großen Pest als Vorwand für Judenverfolgungen, steht in Wikipedia. (Dem Kurier ist das auch aufgefallen, sehe ich gerade bei Mister Google.) Pogrome mit Hundertausend Toten waren die Folge! Es steht sogar da, dass das mit dem Brunnenvergiften eine „antijudaistsiche Verschwörungstheorie“ darstelle - von der es urviele, sehr beliebte Varianten bis heute gibt.

Wenn jetzt jemand all’ dieser obsessiven Menschen hier behaupten möchte, dass Christian Kern jüdisch wäre, so sei festgehalten: Seine Eltern waren oder sind „Gerechte“, was bedeutet, dass sie Juden in der Nazizeit unterstützt haben. Juden und Jüdinnen können selber keine „Gerechte unter den Völkern“ sein.

Viel Wind machen

Wenn die FPÖ viel Wind um ein abgehobenes Thema (in dem Fall von Orban geklaut, der mit einem Soros-Stipendium in Großbritannien studieren durfte. War Orban eigentlich sauer, als es endete?) macht, muss man immer schauen, was FPÖ-Politiker gerade genau tun und vorhaben. Das war meine persönliche Lektion von Landeshauptmann Haider und seinen „kriminellen Tschetschenen“, die ja so viel schlimmere Sachen machten, als die Hypo-Bank benutzen (zum Beispiel Parkautomaten knacken und die Mütze über der Kamera vergessen. Ich war bei der Gerichtsverhandlung in Klagenfurt). Also, was ist in Wahrheit los? Warum so viel Vernebelungstaktik? Geht es um unsere Daten, die den Unternehmen zur Verfügung gestellt werden sollen, die seltsamerweise über das Verkehrsministerium verwaltet werden sollen? Um wieviel Geld verkauft Minister Hofer eigentlich unsere Gesundheits- und Arbeitslosen-Daten? Dass er sie auch noch gratis den Unternehmen mit ihren Forschungsabteilungen nachschmeißt, kann und will ich nicht glauben. Schließlich braucht Hofer doch gerade dringend Geld für den Brennerbasis-Tunnel, oder? Außerdem kam irgendwer zeitgleich auf diese glorreiche Idee, als im Fernsehen landauf landab gesendet wurde, wieviel Geld Facebook über Datenverkauf macht. Bei Gudenus bin ich mir aber nicht sicher, ob er die FPÖ-Vernebelungsstrategie ganz genau verstanden hat. Denn er macht nur viel Wind.

Geschichtliche „Anekdoten“

„Treppenwitz“ bedeutet ein geistreicher Gedanke, der einem erst auf der Treppe einfällt, steht in Wikipedia. „Im Deutschen wurde dieser Begriff durch den 1882 erschienenen Bestseller Der Treppenwitz der Weltgeschichte. Geschichtliche Irrtümer, Entstellungen und Erfindungen von William Lewis Hertslet popularisiert. Hertslet bezog sich dabei auf die Neigung, geschichtliche Ereignisse im Nachhinein anekdotisch auszuschmücken. In seinem Buch entlarvt und entmystifiziert er solche Anekdoten.“ Passt doch. Auch wenn eine geschichtliche „Brunnenvergifter-Ankedote“, die über die Jahrhunderte Todesfolgen für sehr viele Menschen mit sich brachte, wirklich nicht mehr lustig ist.

Strache und ich sollten bei unseren Familien nachfragen, woher wir solche Ausdrücke haben.

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