Abspaltungen kennzeichneten den Umgang mit dem Holocaust. Vor allem Gefühlsabspaltungen. Diese tauchen später wieder auf. Verschwörungs-Theorien bieten einen vermeintlichen Ausweg.

Spannend, wie der Autor gewisse Phänomene in Sicht auf ein Trauma einer ganzen Gesellschaft betrachtet: Trotz der Frankfurter Auschwitz Prozesse bzw. des Jerusalemer Eichmann Prozesses vermutet Dan Diner „ein die Wahrnehmung verzögerndes tiefenpsychologisches Trauma“ – in Folge der Vernichtung der europäischen Juden. Die Gesellschaft wäre so langsam geworden, erstarrt durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen. Der „Kalte Krieg“ lenkte sie erfolgreich gegen die kommunistischen und realsozialistischen Länder und lenkte sie ab. Erst mit dem Fall der Mauer, als es keine kommunistischen Länder mehr gab, wäre es möglich gewesen, richtig wegen des Holocausts zu trauern - „Gedächtnisräume eröffneten sich“. Dieser Ansatz von Diner würde auch erklären, warum die kommunistischen WiderstandskämpferInnen, wie die erfolgreichen PartisanInnen gegen die Nazis, aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung fielen - sie wurden in einen Bogen mit den Regierungen gewisser Ländern eingespannt und mit diesen entsorgt. Diese „unerlösten Erinnerungen“ an Krieg und Holocaust „nisteten sich, bis zur Unkenntlichkeit kodiert und verschoben, in das Gewebe des Gegenwärtigen ein“. Dazu gehörten „vor allem die blutigen Ereignisse der Dekolonisierung“ in den 1950er Jahren.

Seltsame Lähmung

Zum zweiten Mal verwendet Dan Diner den Ausdruck der „psychischen Sperre“ Auschwitz als das zu realisieren, was es war, für die Reaktion der „Exekutive der Jewish Agency“. Als diese sich über Maßnahmen beriet, „die dem Schrecken Einhalt bieten sollten, ergriff die Anwesenden eine seltsame Lähmung“: „...überall blieb eine angemessene Reaktion aus. Das in Auschwitz sich vollziehende Geschehen wurde zwar zur Kenntnis genommen, seine Bedeutung blieb dem Bewusstsein jedoch verstellt.“ Ein klares Kennzeichen für Extrem-Traumata: Abspaltung. Gefühlsabspaltung in dem Fall. Ein Schutzmechanismus. Die historische Folge: „Unterbleibendes Tun“.

Die Kolonialmacht Großbritannien beschützte, trotz drakonischer Einwanderungs-Beschränkungen für spätere jüdische Flüchtlinge, die sich im Empire befindlichen Juden. Hunderttausende flüchteten erfolgreich „in die sicheren Tiefen der Sowjetunion und Kleinasien“, schreibt Diner. Diese Geretteten entwickelten andere Vorstellungen vom Holocaust – aus ihrer Geschichte heraus.

Womit die Menschen in Europa nicht klar kamen, war „die Überschreitung der absolut geltenden Schranke der Selbsterhaltung – der Selbsterhaltung der Täter“, die weder ökonomische Vorteile noch „Triebbefriedigung“ von ihren mörderischen Todessehnsüchten abhielt. Das überstieg den lebensbejahenden Horizont vieler Menschen, die zu spät oder gar nicht flüchteten.

Gefährliche Todessehnsucht

So schrieb der Nazi-Dichter Josef Weinheber: „Am tiefsten ergreift der Tote, der Dulder aus Eis.“ Gefährlich ansteckend ist in Weinhebers Gedichten, die noch lange in österreichischen Schulbüchern zu lesen waren, auch die starke Todesliebe, die „Bearbeitung“ von Todesfällen mit Todessehnsucht („Dann leg die Schlinge an!“), die aber die realen Morde der Nazis ignoriert.

Dan Diner: Dieses „unerhörte, geradezu gegenrationale Verhalten der Nazis“, den „Tod jenseits aller geltenden Todeserwartung“ konnte niemand kapieren. „Das Geschehen blieb vom Bewusstsein notwendig abgespalten“, befindet Dan Diner. Die „Vorstellung vom Fortschritt (und damit alle Varianten des Marxismus)“ löste sich angesichts dieser extremen Erschütterungen auf.

„Das Koloniale Gedächtnis, vor allem das in der arabisch-muslimischen Welt, und das Gedächtnis des Holocaust treten auseinander“, schreibt Dan Diner, der sein Buch deswegen auch „Gegenläufige Gedächtnisse“ (2020) benannt und ebenfalls auf arabisch veröffentlicht hat. Aber auch in Deutschland gäbe es gegenläufige, zeitlich sich verändernde Gedächtnisse: Die Bedeutung des Holocaust würde derzeit gerne auf „Machenschaften, Kabale und Verschwörungen zurückgeführt“, einerseits wird er geleugnet, andererseits würde er in „einem sakral begründeten Unverständnis“ zurückgewiesen. „Und wie schon zu ihrer hohen Zeit im 19. Jahrhundert indizieren überhandnehmende Vorstellungen von einer vermeintlichen Wirkungsmacht der Verschwörung ein Unvermögen, den Charakter gesellschaftlicher Abstraktion und damit den Kernbestand der Moderne zu verstehen. Die Vorstellung von der Verschwörung ist eine Bebilderung des unverstandenen Abstrakten.“

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Charley bewertete diesen Eintrag 21.08.2020 17:33:08

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